Moderne Sklaverei und menschenwürdige Arbeit

 

Schließen Sie sich uns an, um das wach­sende Phänomen der mod­er­nen Sklaverei bess­er zu ver­ste­hen, und zwar durch die sich über­schnei­den­den Per­spek­tiv­en eines Ökonomen, Pro­fes­sor Marc Ches­ney, ein­er Exper­tin für Opfer­hil­fe, Cristi­na Duran­ti, und eines Spezial­is­ten für Liefer­ket­ten, Bri­an Iselin, eines Vertreters der Abteilung Migranten & Flüchtlinge — Inte­grale men­schliche Entwick­lung des Vatikans, Andrea March­esani, und eines Psy­cholo­gen, Dr. Gabriele Spina, der Migranten und jun­gen Men­schen hil­ft, die in ein­er hyper­kom­pet­i­tiv­en Wirtschaft arbeit­en, die allzu oft mit unter­bezahlten Jobs funk­tion­iert. Wie unsere früheren Sem­i­nare gezeigt haben, sollte ein neuer Ansatz, der auf der Nach­frage nach Waren und Dien­stleis­tun­gen im Zusam­men­hang mit Men­schen­han­del basiert, von allen Akteuren, den Regierun­gen, entwick­elt wer­den, um die mod­erne Sklaverei zu reduzieren und auszurotten.

 

  • Eröff­nungs­be­merkun­gen von Pro­fes­sor Michel Veuthey, Botschafter des Sou­verä­nen Mal­te­seror­dens zur Überwachung und Bekämp­fung des Menschenhandels
  • Sr. Mir­jam Beike, RGS, Mod­er­a­torin, Repräsen­tan­tin bei der UNO in Genf für die Schwest­ern Unser­er Lieben Frau von der Näch­sten­liebe vom Guten Hirten. Sie arbeit­ete 30 Jahre mit Über­leben­den des Men­schen­han­dels in Deutsch­land und Albanien
  • Bri­an Iselin, Grün­der von SLAVE FREE TRADE, der Liefer­ket­ten überwacht und Tools zur Stärkung der Ver­brauch­er entwickelt
  • Cristi­na Duran­ti, Direk­torin der GSIF Good Shep­herd Inter­na­tion­al Foun­da­tion, die den Thom­son Reuters Foun­da­tion Stop Slav­ery Award für ihre Arbeit gegen die Aus­beu­tung von Kindern, die zur Arbeit in Minen in der DR Kon­go gezwun­gen wer­den, gewon­nen hat
  • Andrea March­esani, Son­der­ber­ater des Mal­te­seror­dens, Mit­glied der Sek­tion Migranten & Flüchtlinge und der Abteilung für inte­grale men­schliche Entwick­lung des Heili­gen Stuhls
  • Dr. Gabriele Spina, Psy­chologe, Pro­jek­tleit­er für das Kon­sor­tium Il Nodo in Cata­nia Ital­ien, zuständig für Jugend­schutz und Migranten
  • Prof. Marc Ches­ney, Leit­er des Fach­bere­ichs Bank- und Finanzwe­sen und des Cen­ter of Com­pe­tence in Sus­tain­able Finance der Uni­ver­sität Zürich (Schweiz), nach sein­er Tätigkeit als assozi­iert­er Dekan der HEC Paris, Autor von “The Per­ma­nent Cri­sis: The Finan­cial Oli­garchy and the Fail­ure of Democ­ra­cy”, entwick­elt er seit vie­len Jahren eine kri­tis­che Analyse des Finanzsek­tors und sein­er Auswirkun­gen auf die Real­wirtschaft und die Arbeitsbedingungen

 

 

MICHEL VEUTHEY: Willkom­men zu unserem Webi­nar über mod­erne Sklaverei und men­schen­würdi­ge Arbeit.  Seit let­ztem Okto­ber haben wir 12 Webina­re zum The­ma Men­schen­han­del im Lichte der Enzyk­liken Lauda­to Si’ und Fratel­li Tut­ti organ­isiert.  Erlauben Sie mir, Ihnen zwei Zitate aus diesen Enzyk­liken zu zeigen.  Erstens Lauda­to Si’: “Jede Anstren­gung, unsere Welt zu schützen und zu verbessern, bringt tief­greifende Verän­derun­gen der Lebensstile, der Pro­duk­tions- und Kon­sum­mod­elle und der etablierten Macht­struk­turen mit sich, die die heuti­gen Gesellschaften bes­tim­men.  Authen­tis­che men­schliche Entwick­lung hat einen moralis­chen Charak­ter.  Sie set­zt die volle Achtung der men­schlichen Per­son voraus”, und dann zu sagen, dass “diese Prob­leme eng mit ein­er Weg­w­er­fkul­tur ver­bun­den sind, die die Aus­geschlosse­nen genau­so bet­rifft, wie sie Dinge”, und ich würde Per­so­n­en hinzufü­gen, “schnell zu Müll reduziert”.  Und Fratel­li Tut­ti, und Sie sehen hier auch ein Zitat, Absatz 24, “Men­schen­han­del und andere zeit­genös­sis­che For­men der Ver­sklavung sind ein weltweites Prob­lem, das von der gesamten Men­schheit ernst genom­men wer­den muss: Da krim­inelle Organ­i­sa­tio­nen glob­ale Net­zw­erke nutzen, um ihre Ziele zu erre­ichen, erfordern die Bemühun­gen zur Besei­t­i­gung dieses Phänomens auch eine gemein­same und in der Tat glob­ale Anstren­gung seit­ens ver­schieden­er Bere­iche der Gesellschaft.  Und tat­säch­lich, seit Okto­ber haben wir 12 Webina­re organ­isiert.  Und in unseren 12 Webina­ren haben wir die Bedeu­tung der Arbeit von Ordens­ge­mein­schaften in der Für­sprache und Hil­fe für Opfer und Über­lebende des Men­schen­han­dels auf lokaler und inter­na­tionaler Ebene her­vorge­hoben.  Wir disku­tierten das Trau­ma, das den Opfern zuge­fügt wird, und wie man mit Fach­leuten mit dem Trau­ma umge­hen kann.  Wir unter­sucht­en rechtliche und strafrechtliche Ansätze zum The­ma Men­schen­han­del, erkan­nten die Gren­zen der strafrechtlichen Ver­fol­gung und beton­ten die Notwendigkeit, einen rechtlichen Rah­men zu entwick­eln, um die Nach­frage nach Waren und Dien­stleis­tun­gen, die durch Sklave­nar­beit pro­duziert wer­den, zu bekämpfen.  Wir beschrieben Lösun­gen wie das nordis­che Mod­ell und die Notwendigkeit, Frauen zu helfen, der Pros­ti­tu­tion zu entkom­men, Zuhäl­ter und “Freier” strafrechtlich zu ver­fol­gen, nicht aber Pros­ti­tu­ierte.  Wir disku­tierten die Rolle der Ver­brauch­er, wie man sie aufk­lären und die Pro­duzen­ten dazu brin­gen kann, ihre Liefer­ket­ten streng zu kon­trol­lieren.  Wir hörten Zeu­gen zur Rolle der Tech­nolo­gie, die den Men­schen­han­del erle­ichtert, zur Tech­nolo­gie, die von Men­schen­händlern in allen Phasen des Ver­brechens miss­braucht wird, ein­schließlich der Anwer­bung, Kon­trolle und Aus­beu­tung der Opfer, sowie zur Tech­nolo­gie, die zur Präven­tion und Bekämp­fung des Men­schen­han­dels einge­set­zt wird.  Mod­erne Sklaverei, das Gegen­teil von men­schen­würdi­ger Arbeit, ist auf dem Vor­marsch.  Fast alles, was wir kon­sum­ieren, von Klei­dung über die Bat­te­rien in unseren Handys bis hin zum Fisch, den wir essen, hat Zwangsar­beit und Aus­beu­tung irgend­wo in sein­er Pro­duk­tion ver­steckt.  Viele von uns, ein­schließlich der Unternehmen, die die Pro­duk­te her­stellen, die wir kaufen, haben keine Ahnung, wann und wo die Aus­beu­tung stat­tfind­et, und sie nimmt jeden Tag zu.  Etwa 45,8 Mil­lio­nen Men­schen leben heute in sklavenähn­lichen Ver­hält­nis­sen.  Das ist größer als die Bevölkerung von Kali­fornien, Kana­da oder Argen­tinien.  Jedes Land der Erde ist davon betrof­fen.  Und mehr als 150 Mil­liar­den Dol­lar an Gewin­nen wer­den jährlich von Unternehmen erwirtschaftet, die Sklaverei und Aus­beu­tung ein­set­zen.  Das ist größer als die Umsätze von Google, Microsoft, Apple, Exxon Mobil und JPMor­gan Chase zusam­men.  Heute wer­den wir mit Experten über diese Geißel unser­er Zeit disku­tieren.  Die Land­wirtschaft bietet Arbeit­splätze für mehr als eine Mil­liarde Men­schen weltweit, und doch ver­di­enen Mil­lio­nen von Bauern und Lan­dar­beit­ern nicht genug, um ihre Grundbedürfnisse wie anständi­ge Nahrung, Woh­nung und Bil­dung zu bezahlen, geschweige denn für uner­wartete Rückschläge oder einen würdi­gen Ruh­e­s­tand zu sparen.  70 Prozent der mehr als 152 Mil­lio­nen Kinder, die Kinder­ar­beit leis­ten, sind in der Land­wirtschaft tätig.  Der Wet­t­lauf um die niedrig­sten Preise, beson­ders bei Kaf­fee, Kakao und Bana­nen, bedeutet, dass das Risiko der Aus­beu­tung von Kindern und Erwach­se­nen immer größer wird.  Infolgedessen ver­lassen junge Men­schen in Scharen die bäuer­lichen Gemein­schaften und lan­den oft in informellen und unsicheren Arbeitsver­hält­nis­sen in Städten oder auf größeren Far­men.  (…) Der diesjährige Welt­tag gegen Kinder­ar­beit konzen­tri­ert sich auf Maß­nah­men für das Inter­na­tionale Jahr zur Besei­t­i­gung der Kinder­ar­beit 2021.  Dies ist der erste Welt­tag seit der weltweit­en Rat­i­fizierung der ILO-Kon­ven­tion 182 über die schlimm­sten For­men der Kinder­ar­beit.  Er find­et zu ein­er Zeit statt, in der die COVID-19-Krise die jahre­lan­gen Fortschritte bei der Bekämp­fung des Prob­lems zunichte zu machen dro­ht.  Laut der Inter­na­tionalen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (ILO) ist men­schen­würdi­ge Arbeit pro­duk­tive Arbeit für Frauen und Män­ner unter Bedin­gun­gen von Frei­heit, Gerechtigkeit, Sicher­heit und Men­schen­würde.  Im All­ge­meinen wird Arbeit als men­schen­würdig ange­se­hen, wenn 1. sie ein angemessenes Einkom­men zahlt.  2. Sie garantiert eine sichere Form der Beschäf­ti­gung und sichere Arbeits­be­din­gun­gen.  3. Sie gewährleis­tet Chan­cen­gle­ich­heit und Gle­ich­be­hand­lung für alle.  4. Sie bein­hal­tet sozialen Schutz für die Arbeit­nehmer und ihre Fam­i­lien.  5. Sie bietet Per­spek­tiv­en für die per­sön­liche Entwick­lung und fördert die soziale Inte­gra­tion.  Und 6. Die Arbeit­nehmer kön­nen ihre Anliegen frei äußern und sich organ­isieren.  Und für einige von uns fasst men­schen­würdi­ge Arbeit die Bestre­bun­gen der Men­schen in ihrem Arbeit­sleben zusam­men.  Und pro­duk­tive Beschäf­ti­gung und men­schen­würdi­ge Arbeit sind Schlüs­se­lele­mente, um eine faire Glob­al­isierung und eine Reduzierung der Armut zu erre­ichen.  Und nun erlauben Sie mir, den heuti­gen Red­nern zu danken.  Der erste wird Bri­an Iselin sein, der über die Notwendigkeit spricht, Liefer­ket­ten zu über­prüfen, um Sklave­nar­beit zu reduzieren und loszuw­er­den.  Zweit­ens Cristi­na Duran­ti, die über ihre Erfahrun­gen bei der Ver­hin­derung und Bekämp­fung der Aus­beu­tung von Kindern, die zur Arbeit in Minen in Afri­ka und ander­swo gezwun­gen wer­den, sprechen wird.  Drit­tens: Andrea March­esani, der über die Soziallehre der katholis­chen Kirche zu men­schen­würdi­ger Arbeit und mod­ern­er Sklaverei auf der Grund­lage der Pas­toralen Leitlin­ien sprechen wird.  Dann Gabriele Spina, der Migranten in Ital­ien hil­ft, der Sklave­nar­beit zu entkom­men und sie in Rich­tung men­schen­würdi­ge Arbeit zu inte­gri­eren.  Der let­zte Red­ner, Pro­fes­sor Marc Ches­ney, der an der Uni­ver­sität Zürich in der Schweiz Finanzwe­sen lehrt, wird einen bre­it­eren Blick auf das heutige Wirtschaftssys­tem wer­fen, das allzu oft dazu führt, dass Real­wirtschaft und men­schen­würdi­ge Arbeit unter­graben wer­den.  Vie­len Dank an alle, und nur ein Wort, Sie wer­den Doku­mente, ein­schließlich des ILO, UNICEF-Berichts und andere Doku­mente in den “Hand­outs” dieses Webi­na­rs find­en.  Fühlen Sie sich frei, sie herun­terzu­laden und zu teilen.  Und ich möchte auch Schwest­er Mir­jam Beike danken, Mitor­gan­isatorin dieses Webi­na­rs, Repräsen­tan­tin bei der UNO in Genf für die Schwest­ern der Barmherzigkeit vom Guten Hirten, die 30 Jahre lang mit Über­leben­den des Men­schen­han­dels in Deutsch­land und Alban­ien gear­beit­et hat, und die nun die Mod­er­a­tion dieses Webi­na­rs übernehmen wird.  Mir­jam, Sie haben das Wort. Danke schön.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank, Michel. Wir wer­den also mit diesem Webi­nar begin­nen. Und ich übergebe das Wort an Bri­an, um eine Ein­führung zu geben und mehr zu erk­lären, worum es geht.  Viele von Ihnen ken­nen ihn bere­its.  Er ist ein ehe­ma­liger aus­tralis­ch­er Sol­dat und Bun­des­beamter, der Grün­der von Slave­free­trade mit Sitz in Genf, ein­er gemein­nützi­gen Organ­i­sa­tion, die daran arbeit­et, die Macht der Blockchain zu nutzen, um die Welt von Sklave­nar­beit zu befreien.  Bri­an, Sie haben das Wort.

 

BRIAN ISELIN: Vie­len Dank, dass ich wieder dabei sein darf, Schwest­er Mir­jam und Michel.  Ich hoffe, jed­er kann mich gut hören.  Wie Sr. Mir­jam schon sagte, war ich in meinem früheren Leben Sol­dat und Bun­de­sagent.  Ich habe mich 19 Jahre lang auf die Bekämp­fung des organ­isierten Ver­brechens und die Spi­onage­ab­wehr spezial­isiert.  Und die let­zten 19 Jahre war mein Leben länger, als ich ausse­he, richtig?  habe ich mich darauf spezial­isiert, Oper­a­tio­nen gegen die Sklaverei auf der ganzen Welt durchzuführen.  Und in all dieser Zeit habe ich eine Sache gel­ernt, die sehr, sehr wichtig ist, näm­lich schnell her­auszufind­en, was ist und sich auf das tat­säch­liche Prob­lem zu konzen­tri­eren, nicht auf ver­meintliche Prob­leme, son­dern auf das tat­säch­liche Prob­lem.  Und so lassen Sie mich aus der Per­spek­tive des Men­schen­han­dels, der mod­er­nen Sklaverei und der Strafjus­tiz erk­lären: Wenn Sie von jeman­dem mit einem Mess­er und ein­er schlecht­en Ein­stel­lung Ihnen gegenüber kon­fron­tiert wer­den, ist das Prob­lem eigentlich nicht das Mess­er in der Hand.  Das eigentliche Prob­lem ist der Typ dahin­ter.  Das Mess­er wird tat­säch­lich zu ein­er Ablenkung und nicht zum Prob­lem, denn ich kann das Mess­er neu­tral­isieren, aber der Typ dahin­ter wird immer noch da sein und auch die schlechte Ein­stel­lung, was bedeutet, dass er ein­fach einen anderen Weg suchen wird, um das zu tun, was er sowieso vorhat­te.  Das nen­nt man den Ver­drän­gungsef­fekt, und er bedeutet, dass das Prob­lem zwar behan­delt, aber nicht geheilt wird, und das, die Ver­drän­gung, ist genau das, was wir bei mod­ern­er Sklaverei und Men­schen­han­del tun und schon seit Jahrzehn­ten tun.  Wir sprechen also über Nach­haltigkeit in der Wirtschaft, und angesichts dieser Mess­er-Analo­gie lassen Sie uns kurz darüber sprechen, was wirk­lich das Prob­lem ist, mit dem wir alle hier kon­fron­tiert sind.  Es ist nicht die Armut, es ist nicht der sex­uelle Miss­brauch, es ist nicht das Geschlecht, es ist nicht die Arbeit­slosigkeit, die Migra­tion, doku­men­tiert oder nicht.  Das Prob­lem, mit dem wir kon­fron­tiert sind, ist jemand, der die moralis­che und wirtschaftliche Entschei­dung trifft, die Arbeit­skraft eines anderen Men­schen auszubeuten.  Genau das ist die Essenz dessen, worüber wir sprechen, wenn wir von der Nach­frage­seite der Gle­ichung sprechen: Jemand trifft eine vorsät­zliche oder oppor­tunis­tis­che Entschei­dung, jemand anderen für seine Arbeit­skraft auszubeuten, und ver­weigert ihm damit die men­schen­würdi­ge Arbeit, die Michel zuvor beschrieben hat.  Die Per­son, die hin­ter dieser Entschei­dung ste­ht, der­jenige, der hin­ter dem Mess­er ste­ht, ist das, was wir betra­cht­en, wenn wir ver­suchen, die Nach­frage­seite anzus­prechen.  Und in diesem Zusam­men­hang ist es wichtig zu wis­sen, dass mehr als 98 Prozent der weltweit­en Aus­gaben zur Bekämp­fung der mod­er­nen Sklaverei für die Ange­bots­seite der Gle­ichung, die Vertrei­bungs­seite der Gle­ichung, aus­gegeben wer­den.  Das Prob­lem für jeden, der sich mit mod­ern­er Sklaverei befasst, ist also, wie man Geschäft­sleuten Rech­nung trägt, die keinen Platz für das intrin­sisch Gute in ihrem Geschäft find­en und die Men­schen­rechte mis­sacht­en, weil es ihrem Geschäft nicht schadet, dies zu tun.  So kam ich vor vier Jahren dazu, Slave­free­trade zu grün­den.  Geboren aus, sagen wir mal, Frus­tra­tion und Verge­blichkeit nach Jahren der Ent­waffnung von Men­schen, nur um festzustellen, dass sie das alles immer wieder tun, dachte ich, das ist falsch.  Wir brauchen eine sys­temis­che Antwort auf dieses sys­temis­che Prob­lem.  Und so soll­ten wir das eigentliche Prob­lem ange­hen, anstatt nur zu ver­fol­gen und zu ver­drän­gen.  Lasst uns sehen, ob wir in eine Heilung investieren kön­nen.  Nun, es ist sehr wichtig, sich daran zu erin­nern, dass nicht alle Sklaven­hal­ter und Aus­beuter einen harten Kern haben.  Ich habe im Laufe der Jahre viele getrof­fen.  Sie sind nicht alle kom­plette Rat­ten­fänger.  Viele von ihnen sind nur oppor­tunis­tis­che Aus­nutzer von Men­schen, wie so viele in der Welt­bevölkerung.  Sehen wir den Tat­sachen ins Auge.  Wir kön­nen tat­säch­lich viele von ihnen aus dem Geschäft des Sklaven­tums her­aus­holen, indem wir ihnen etwas Pos­i­tiveres geben, nach dem sie streben kön­nen, und einige von Ihnen wer­den das für eine zynis­che Sichtweise hal­ten, aber unsere Lösun­gen kön­nen nicht gerecht sein oder sich nicht wirk­lich auf das intrin­sis­che Gute konzen­tri­eren.  Es muss immer noch auf Geld hin­aus­laufen.  Wir kön­nen diesen Sklaven­händlern und Aus­beutern einen besseren Ort bieten, aber es muss tat­säch­lich ein besser­er Markt sein.  Sie müssen aus eigen­mo­tivierten und kom­merziellen Grün­den dor­thin gehen wollen.  Das bedeutet also, dass eine völ­lig neue Art, über mod­erne Sklaverei nachzu­denken, bedeutet, die Men­schen­rechte am Arbeit­splatz neu zu konzip­ieren und ein neues Wirtschaftsmod­ell aufzubauen, das für Ihr Unternehmen von Vorteil ist, wenn Sie die Men­schen­rechte acht­en.  Aber die zen­trale Frage für mich bei der Grün­dung von Slave­free­trade war, wie man die Achtung von men­schen­würdi­ger Arbeit lohnend machen kann.  Und wie würde ein Markt ausse­hen, an dem man nicht teil­nehmen kann, wenn man dazu nicht in der Lage ist?  Aber um men­schen­würdi­ge Arbeit an mehr Arbeit­splätzen weltweit zu gewährleis­ten, müssen wir dieses Wirtschaftsmod­ell schaf­fen, das besagt, dass Ihre Men­schen­recht­sleis­tung nicht neben­bei läuft, sie ist nicht Teil ein­er Triple-Bot­tom-Line.  Sie ist ein wesentlich­er Bestandteil Ihres Ergeb­niss­es, wobei die Mark­tkräfte effek­tiv auf sich selb­st zurück­wirken, um gutes Ver­hal­ten zu ver­stärken.  Und wir reden hier natür­lich nicht von ein­er kleinen Übung.  Wie Michel bere­its angedeutet hat, sprechen wir über zig Mil­lio­nen, hun­derte Mil­lio­nen Kinder in Kinder­ar­beit und Erwach­sene in Zwangsar­beit.  Dank COVID ist uns wohl allen klar gewor­den, wie oft wir am Tag unser Gesicht berühren, aber tat­säch­lich berühren wir die Sklaverei öfter als wir unser Gesicht am Tag berühren.  Von der mor­gendlichen Tasse Kaf­fee bis hin zu iPhones, Sham­poos und Wim­pern­tusche — wenn man an COVID und die Berührung des Gesichts denkt, ist es ein sehr starkes Bild, wenn man sich bewusst macht, wie oft man die Sklaverei berührt.  Bei dem Ver­such, ein solch­es Sys­tem zu entwick­eln, wurde mir sehr schnell klar, dass wir in der Lage sein müssen, mas­siv zu skalieren, was wiederum bedeutet, dass wir in der Lage sein müssen, mas­siv zu automa­tisieren, und das bedeutet also Tech­nik.  Jedes Audit- und Zer­ti­fizierungssys­tem auf der Welt, schauen Sie sich zum Beispiel Fair­Trade an, stößt auf diese Bar­riere.  Wenn man nicht automa­tisieren kann, kann man nicht skalieren.  Wenn man nicht skalieren kann, kann man niemals auch nur in die Nähe ein­er Lösung für ein Prob­lem dieser Dimen­sion kom­men.  Was wir tat­säch­lich tun müssen, ist aufzuhören, uns auf das Neg­a­tive zu konzen­tri­eren.  Sklaven­han­del ist ein kom­plett pos­i­tivis­tis­ch­er Ansatz.  Wir müssen aufhören, uns auf die Ein­mis­chung am düsteren Ende des Men­schen­rechtsspek­trums zu ver­lassen, denn der einzige Weg, um zu erken­nen, was am schlimm­sten Ende passiert, ist, dass Leute wie ich hin­aus­ge­hen und nach­forschen.  Und das hat eine Rolle zu spie­len.  Aber das kann niemals automa­tisiert wer­den und das kann niemals skaliert wer­den.  Es wird also immer ein sehr klein­er Bere­ich sein.  Und man muss sich nur die Zahl der Strafver­fol­gun­gen wegen Men­schen­han­dels in der Welt anse­hen, um zu erken­nen, dass es sich um eine wirk­lich kleine Sache han­delt.  Denken Sie also so: Men­schen­rechte am Arbeit­splatz existieren weltweit, uni­versell, in einem Spek­trum.  Was passiert also, wenn wir unseren Fokus ver­lagern und unseren Blick statt auf das dun­kle Ende des Spek­trums auf die Heilung statt auf die Behand­lung richt­en?  Wie würde ein glob­ales Impf­pro­gramm ausse­hen?  Die Men­schen­rechte am Arbeit­splatz befind­en sich auf diesem Spek­trum. Am einen Ende des Spek­trums ist dieser trübe Tüm­pel namens mod­erne Sklaverei, und dann diese Rekonzep­tu­al­isierung, dieser neue Blick auf Men­schen­rechte und mod­erne Sklaverei.  Sie kön­nen für den Moment alle rechtlichen Def­i­n­i­tio­nen vergessen, die es aus­machen.  Sie brauchen auf ein­er per­sön­lichen Ebene eigentlich nicht in der Lage zu sein, rechtlich zwis­chen Zwangsar­beit und Men­schen­han­del zu unter­schei­den.  Das ist ein Kan­inchen­bau, in dem so viele Men­schen steck­en bleiben.  Es macht wenig bis gar keinen Unter­schied für das Opfer und es macht wenig bis gar keinen Unter­schied, wenn es darum geht, den Fokus zu ver­schieben, den Fokus auf das pos­i­tive Ende des Spek­trums zu heben.  Der trübe, fet­thaltige Tüm­pel am unteren Ende ist gekennze­ich­net durch eine geringe Achtung der Men­schen­rechte, entwed­er sind einige wenige Rechte extrem aus­ge­höhlt oder viele von ihnen kön­nten es sein.  In jedem Fall kön­nen wir nur wis­sen, dass das Leben an diesem Ende des Spek­trums ziem­lich beschissen ist.  Ganz am recht­en Ende des Spek­trums ist dieser himm­lis­che, köstliche Ort mit Fontä­nen von warmer, fließen­der, sklaven­freier Schoko­lade.  Nun, das ist anständi­ge Arbeit.  Aber anständi­ge Arbeit ist am ent­ge­genge­set­zten Ende des gle­ichen Spek­trums wie mod­erne Sklaverei.  Und was wir tun müssen, ist, eine Kul­tur der Achtung der Men­schen­rechte an einem Arbeit­splatz zu beweisen.  Wir beweisen, dass ein Arbeit­splatz näher am Ende der men­schen­würdi­gen Arbeit ist.  Und damit haben wir, ohne über­haupt darüber nachzu­denken, die Exis­tenz der mod­er­nen Sklaverei wider­legt, denn men­schen­würdi­ge Arbeit und mod­erne Sklaverei befind­en sich an ent­ge­genge­set­zten Enden des­sel­ben Spek­trums.  Sie sind wie Kryp­tonit füreinan­der, sie kön­nen nicht koex­istieren.  Aber darüber hin­aus sind alle Men­schen­recht­sprob­leme — ob geschlechtsspez­i­fis­che Loh­nun­ter­schiede, Zwangsar­beit oder Rassendiskri­m­inierung — aus ein­er Kul­tur her­aus ent­standen.  Mod­erne Sklaverei ist nie ein Einzelfall an einem Arbeit­splatz.  Wenn Sie die Kul­tur erken­nen, kön­nen Sie das Prob­lem iden­ti­fizieren.  Je weit­er ein Arbeit­splatz in Rich­tung men­schen­würdi­ge Arbeit geht, desto unwahrschein­lich­er sind Men­schen­recht­sprob­leme.  Das war es also, was wir tun mussten.  Um diese Unter­suchung von Arbeit­splätzen zu ermöglichen, braucht­en wir zunächst einen Stan­dard, um men­schen­würdi­ge Arbeit und das Spek­trum der mod­er­nen Sklaverei zu definieren.  Es wird Sie vielle­icht nicht über­raschen, wenn Sie erfahren, dass es vor vier Jahren, als ich Slave­free­trade ins Leben rief, noch kein effek­tives Rah­men­werk gab, das oper­a­tional­isiert wer­den kon­nte und men­schen­würdi­ge Arbeit in der Prax­is definierte. Wir mussten es anfan­gen.  Wir mussten es tun. Also haben wir die ersten zwei Jahre damit ver­bracht, das zu tun.  Zu diesem Zeit­punkt beschlossen wir auch aus Prinzip, dass ein solch­er Rah­men uni­versell sein musste.  Ich hoffe, Sie stim­men mir zu, wenn ich sage, dass jedes Mod­ell, das besagt, dass ein Plan­ta­ge­nar­beit­er in einem Land an einem Arbeit­splatz mit einem niedrigeren Men­schen­rechts­stan­dard arbeit­en sollte als ein Angestell­ter im Einzel­han­del in Eng­land oder ein Banker in New York, völ­lig unbe­friedi­gend ist.  Wir haben einen riesi­gen Bestand an inter­na­tionalen Men­schen­rechts­ge­set­zen, und unsere Rechte sind uni­versell anerkan­nt.  Wir brauchen kein neues Gesetz.  Und doch ist es trotz des Vorhan­den­seins dieses vere­in­barten inter­na­tionalen Rechts in dieser Angele­gen­heit ein trau­riges Merk­mal, sagen wir, der glob­alen Geschäftswelt, dass das vere­in­barte inter­na­tionale Recht­sko­r­pus eine tägliche Irrel­e­vanz ist.  Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass ich von Tausenden von Unternehmen gehört habe, dass sie ein­fach sagen, dass die Men­schen­rechte nicht auf ihrer Agen­da ste­hen.  Aber ein­er der Gründe dafür, ein­er der Gründe für diese Irrel­e­vanz, ist, dass es so eso­ter­isch ist, wie Sie alle wis­sen, es ist nicht oper­a­tional.  Wenn Sie glauben, dass die meis­ten Organ­i­sa­tio­nen ihre inter­na­tionalen Men­schen­rechtsverpflich­tun­gen ver­ste­hen, wenn Sie zu H&M gehen und jeman­den nach seinen inter­na­tionalen Men­schen­rechtsverpflich­tun­gen fra­gen, wer­den Sie fest­stellen, dass etwa zwei Leute es wis­sen.  Sie machen sich ern­sthafte Illu­sio­nen, wenn Sie glauben, dass Arbeit­splätze oder Unternehmen dies ver­ste­hen.  Und wenn Sie glauben, dass sie die Mit­tel haben, um die Men­schen­rechtsverträge zu oper­a­tional­isieren, dann liegen Sie völ­lig daneben.  Wir müssen also etwas in die Real­ität brin­gen, etwas sehr Oper­a­tionales, damit die Unternehmen ver­ste­hen, was wir eigentlich mit Men­schen­recht­en am Arbeit­splatz meinen.  Also haben wir uns für eine uni­verselle oper­a­tive Def­i­n­i­tion und einen Rah­men entsch­ieden.  Und so haben wir alle Punk­te der beste­hen­den, all­ge­mein anerkan­nten, inter­na­tionalen Men­schen­rechts­ge­set­ze aus­gewählt, die sich auf die Rechte und Bedin­gun­gen am Arbeit­splatz beziehen.  Wie ich schon sagte, brauchen wir kein neues Gesetz.  Alle Rechte sind bere­its im inter­na­tionalen Rah­men vorhan­den.  Und so kamen wir zu ein­er Rei­he von zehn Prinzip­i­en für men­schen­würdi­ge Arbeit, die vom Ver­bot von Zwangsar­beit über gle­iche Bezahlung, keine Diskri­m­inierung, Gesund­heit und Sicher­heit am Arbeit­splatz und so weit­er reichen.  Und diese 10 Prinzip­i­en funk­tion­ieren kaskadenar­tig.  Unter jedem ste­ht eine Hand­voll von Men­schen­rechts­be­din­gun­gen.  Und wenn Sie alle diese Prinzip­i­en gut ein­hal­ten, haben Sie einen objek­tiv wirk­lich guten Arbeit­splatz. Ich ver­wende gerne den Satz: “Men­schen­rechte sind das neue HR”.  Ich meine, das ist doch eigentlich das, was die Per­son­al­abteilung schon immer hätte sein sollen, oder?  Es ist viel wichtiger zu wis­sen, dass es keine geschlechtsspez­i­fis­chen Loh­nun­ter­schiede oder Rassendiskri­m­inierung am Arbeit­splatz gibt, als zu wis­sen, dass es Nespres­so-Kapseln gibt.  Um das umzuset­zen, mussten wir also den näch­sten Schritt machen und diese 10 Prinzip­i­en ratio­nal­isieren, die 25 einzelne Men­schen­rechts­fra­gen abdeck­en.  Wir ste­hen vor dem Prob­lem.  Wir müssen es an diejeni­gen her­antra­gen, die uns sagen kön­nen, was an einem Arbeit­splatz wirk­lich vor sich geht.  Das bedeutet, dass jed­er an den Arbeit­splätzen gefragt wer­den muss, ganz ein­fach, so wie ich es tue, wenn ich Nach­forschun­gen anstelle.  Ich frage jeden, den ich kann, wie es ihm geht.  Unter jed­er Bedin­gung gibt es also eine Hand­voll Indika­toren.  Das sind die Dinge, nach denen man bei ein­er Unter­suchung sucht.  So kom­men wir schließlich zu einem glob­alen Satz von 100 Indika­toren für einen men­schen­rechts­fre­undlichen, sklaven­freien Arbeit­splatz.  Jemand kön­nte mich fra­gen, warum 100, ganz ein­fach, weil ein­er zu wenig ist und 1.000 zu viele sind, um sie zu oper­a­tional­isieren.  Wir mussten also weit über alle beste­hen­den Zer­ti­fizierungs- und Audit-Stan­dards hin­aus­ge­hen, zum Beispiel auch über soziale Nach­haltigkeits­stan­dards.  Jed­er existierende Stan­dard für dieses so genan­nte S in ESG basiert kom­plett auf dem, was wir die Unternehmenssicht nen­nen kön­nten.  Wenn Sie sich jedes existierende Zer­ti­fizierungsmod­ell anse­hen, von B Corp über Dow Jones bis hin zur Glob­al Report­ing Ini­tia­tive, Fair­trade, alle Nach­haltigkeits-Ratin­ga­gen­turen und sog­ar die Ver­brauch­er-Apps, die Ihnen sagen, dass Sie lächeln kön­nen, wenn Sie dieses Poly­esterkleid kaufen, dann ist deren Evi­denz ziem­lich genau die Unternehmenssicht.  Das soll nicht heißen, dass wir die Unternehmenssicht nicht erfassen, aber sie muss von den Men­schen an den Arbeit­splätzen bestätigt wer­den, denn sie sind let­ztlich die besten Beurteil­er ihrer Bedin­gun­gen.  Wie kön­nen wir also wis­sen, wie der Kuchen unter der Kruste schmeckt?  Wir müssen tun, was son­st fast nie­mand tut.  Wir fra­gen diejeni­gen, die den Kuchen essen.  Was wir bei Slave­free­trade tun, ist ein Prozess, ein Mit­glied­schaftsmod­ell, bei dem eine Organ­i­sa­tion Slave­free­trade beitritt, um men­schen­recht­skon­form zu wer­den, um durch eine kon­tinuier­liche Bew­er­tung und Überwachung in Echtzeit anhand dieser 100 Indika­toren als men­schen­recht­skon­form zu gel­ten.  Und lassen Sie mich kurz zwei wichtige Kern­prozesse zusam­men­fassen, die wir Werteaus­rich­tung und Mitar­beit­er­beurteilung nen­nen.  Die Wertean­pas­sung ist die Unternehmenssicht, die sich­er­stellt, dass ein Unternehmen alle poli­tis­chen Instru­mente hat, die es braucht, um Dinge zu beheben, wenn es ein Prob­lem gibt, und die Bew­er­tung der Belegschaft ist die Erlan­gung der indi­vidu­ellen Sicht.  Wir befra­gen also jeden einzel­nen Mitar­beit­er an jedem einzel­nen Arbeit­splatz über seine Arbeits­be­din­gun­gen, und zwar kon­tinuier­lich auf monatlich­er Basis.  So erhal­ten wir einen echt­en 360-Grad-Blick auf das, was an den Arbeit­splätzen vor sich geht, von den Men­schen am Arbeit­splatz.  Und wir gle­ichen das mit der Unternehmenssicht ab.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank, Bri­an. Ich danke Ihnen viel­mals. Und ich denke, es wird später auch inter­es­sant sein, wir wer­den Zeit für Fra­gen und Antworten haben. Sie wer­den also in der Lage sein zu antworten, wenn es Fra­gen gibt, und ich denke, es wird welche geben.  Ich fand es sehr inter­es­sant, weil Sie ger­ade mit dem Hin­ter­grund ange­fan­gen haben, der sys­temis­chen Antwort auf ein sys­temis­ches Prob­lem.  Und wie Sie sagten, um sich auf das Pos­i­tive zu konzen­tri­eren, ist es viel bess­er, Men­schen­rechte am Arbeit­splatz zu haben, als zu wis­sen, dass man dort einen bil­li­gen Kaf­fee hat.  Sie haben uns also die eigentliche Ursache erk­lärt.  Und das ist für den Anfang sehr inter­es­sant.  Jet­zt wer­den wir aus der prak­tis­chen Arbeit von Dr. Cristi­na Duran­ti hören.  Sie ist die Direk­torin der Good Shep­herd Inter­na­tion­al Foun­da­tion, die den Thom­son Reuters Preis und den Stop Slav­ery Award für die Arbeit gegen die Aus­beu­tung von Kindern, die zur Arbeit in Minen in der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go gezwun­gen wer­den, gewon­nen hat.  Und ich freue mich darauf, zu hören, was Sie uns zu diesem The­ma zu sagen haben.  Sie haben das Wort, Cristina.

 

CRISTINA DURANTI: Vie­len Dank noch ein­mal für diese sehr fre­undliche Ein­ladung an Pro­fes­sor Veuthey und an Mir­jam.  Ich bin sehr daran inter­essiert, mit Ihnen zu teilen, was wir über dieses sehr kri­tis­che The­ma für alle von uns ler­nen, die sich mit Entwick­lung und Men­schen­rechtss­chutz und ‑förderung beschäfti­gen.  Also nur ganz kurz, die Good Shep­herd Inter­na­tion­al Foun­da­tion arbeit­et mit den Schwest­ern vom Guten Hirten in 37 Län­dern in Asien, Lateinameri­ka, Afri­ka und dem Nahen Osten zusam­men.  Wir unter­stützen ihre Mis­sio­nen in eini­gen der schwierig­sten, frag­ilsten Kon­texte der Welt.  Unser Fokus liegt auf Mäd­chen, Frauen und Kindern und unsere Arbeitsweise, unser Inter­ven­tion­s­mod­ell, ist die Förderung der ganzheitlichen Entwick­lung des Men­schen im Kon­text ihrer Gemein­schaften.  Ich bin ein­ge­laden wor­den, unsere Erfahrun­gen mit Ihnen zu teilen, aus­ge­hend von dem, was wir in der DRC, der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go, tun, wo wir dieses ziem­lich große Pro­gramm durch­führen, es ist eines unser­er größten Pro­gramme, das sich auf ASM konzen­tri­ert.  ASM ste­ht für arti­sanalen und Klein­berg­bau, und zwar ins­beson­dere in ein­er Region der DRC, die der Welt gut bekan­nt ist, weil sie einige der begehrtesten Rohstoffe liefert, die in unsere Indus­triesys­teme ein­fließen.  Unser Fokus liegt nun ins­beson­dere auf Kobalt, dem Abbau dieses sehr, sehr begehrten Min­er­als für die Pro­duk­tion von Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien.  Sie kön­nen sich also vorstellen, dass dies zu einem der Hotspots der Welt gewor­den ist, was den Abbau und die Gewin­nung ange­ht.  Ich wurde schon früher ein­ge­laden, über Kinder­ar­beit im Beson­deren zu sprechen, da dies ein­er der Schw­er­punk­te, der Hauptschw­er­punkt unser­er Arbeit in Kol­wezi ist.  Als die Schwest­ern vom Guten Hirten in Kol­wezi anka­men, der Haupt­stadt von Lual­a­ba, der ehe­ma­li­gen Prov­inz Katan­ga im Süden der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go, stell­ten wir fest, dass Kinderzwangsar­beit und ins­beson­dere die schlimm­sten For­men der Kinder­ar­beit, wie sie von der ILO definiert wer­den, in den kleinen Gemein­den in und um die Stadt Kol­wezi wirk­lich weit ver­bre­it­et waren.  Also began­nen wir, dieses Prob­lem anzuge­hen, und in den let­zten acht Jahren haben wir ins­ge­samt etwa 4.000 Kinder aus den Minen geholt und sie durch ein Entwick­lung­spro­gramm, das die Fam­i­lien und die Gemein­den ein­be­zog, bei der for­malen Aus­bil­dung unter­stützt.  Auf­grund des speziellen Fokus des Webi­na­rs wollte ich Ihnen heute jedoch eine etwas nuanciert­ere Beschrei­bung dessen geben, was wir in Bezug auf Zwangsar­beit und mod­erne Sklaverei beobachtet haben.  Kinder­ar­beit ist etwas, das wirk­lich die Aufmerk­samkeit der ganzen Welt auf sich zog, als wir began­nen, in Kol­wezi zu arbeit­en. Amnesty hat darüber berichtet. Und so war es ein sehr mächtiger, wie soll ich sagen, Aufhänger, um darüber zu sprechen, was in diesen handw­erk­lichen Berg­bauge­mein­den vor sich ging.  Uns wurde jedoch klar, dass Kinder­ar­beit nur die Spitze des Eis­bergs ist, vor allem, wenn wir über extrem frag­ile Wirtschaftssys­teme wie das des Berg­baus in diesen Gemein­den eines frag­ilen Staates wie der DRK sprechen.  Und es ist extrem schwierig, wie soll ich sagen, Kinder­ar­beit von den all­ge­meinen Arbeits­be­din­gun­gen der Gemein­schaften, die in diesen Gebi­eten leben und arbeit­en, zu tren­nen.  Ich wollte also nur zurück­ver­fol­gen, warum wir als GSIF, als Good Shep­herd Inter­na­tion­al Foun­da­tion, über Zwangsar­beit und mod­erne Sklaverei sprechen und warum die Schwest­ern sich auf dieses The­ma ein­ge­lassen haben, das ursprünglich ein wenig los­gelöst vom Fokus unser­er Arbeit schien, der sich tra­di­tionell mehr um Mäd­chen und Frauen­rechte dreht.  Natür­lich schauen wir, wie alle Entwick­lung­sor­gan­i­sa­tio­nen und auch glaubens­basierte Organ­i­sa­tio­nen, auf die Pri­or­itäten der 2030-Agen­da und wir wis­sen, dass men­schen­würdi­ge Arbeit, die Schaf­fung von Arbeit­splätzen, sozialer Schutz und Rechte bei der Arbeit ein Schlüs­se­lele­ment sind, um die SDGs und die gesamte Agen­da zu erre­ichen.  Und wir sind uns sehr bewusst, dass wir, um nach­haltige Lösun­gen für unsere Haupt­begün­stigten, Frauen und Mäd­chen, zu schaf­fen, nach nach­halti­gen Wegen suchen müssen, um Wirtschaftswach­s­tum zu gener­ieren und zu fördern.  Daran gibt es keinen Zweifel, ich denke, für jeden, also müssen men­schen­würdi­ge Arbeit und Wirtschaftswach­s­tum Hand in Hand gehen.  Obwohl die Schaf­fung von men­schen­würdi­ger Arbeit, men­schen­recht­skon­former Beschäf­ti­gung für gefährdete Grup­pen, ins­beson­dere Frauen und die Ärm­sten, die… die mehr Schwierigkeit­en haben, in for­male Arbeit einge­bun­den zu wer­den, ist extrem heikel.  Und es ist wirk­lich, denke ich, eine der größten Her­aus­forderun­gen für diejeni­gen, die in der Entwick­lung tätig sind.  Und, wis­sen Sie, wir wis­sen, dass die Ziele der 2030-Agen­da, zu denen wir beitra­gen wollen, auf der einen Seite die Unter­stützung der Mod­ernisierung und des Wach­s­tums des soge­nan­nten Mikro- und Klein- und Mit­tel­standssek­tors sind.  Denn wir wis­sen, dass das wahrschein­lich die Mod­elle sind, die Wirtschaftsmod­elle, die die wirtschaftliche Inklu­sion und die Einkom­mensgener­ierung für die am meis­ten gefährde­ten Bevölkerungs­grup­pen, die wir im Blick haben, fördern kön­nen.  Auf der anderen Seite, wenn wir speziell über das Ziel 8.7 sprechen, sind wir alle verpflichtet, die schlimm­sten For­men der Kinder­ar­beit und alle For­men von Kinder­ar­beit bis 2025 zu beseit­i­gen.  Ich denke, wir sind uns alle bewusst, dass wir im Moment weit davon ent­fer­nt sind.  Erst let­zte Woche haben wir den Welt­tag gegen Kinder­ar­beit gefeiert und wir alle haben den Bericht der ILO und der UNICEF über den Stand der Abschaf­fung der Kinder­ar­beit gele­sen, und tat­säch­lich haben wir erfahren, dass die Kinder­ar­beit auf dem Vor­marsch ist, mit schätzungsweise 160 Mil­lio­nen Kindern, die in Kinder­ar­beit ver­wick­elt sind.  Und das ist gekop­pelt mit der Tat­sache, dass wir uns mit­ten in ein­er schreck­lichen wirtschaftlichen Rezes­sion befind­en.  Und hier kom­men wir zu meinem Punkt: Die informelle Wirtschaft ist wahrschein­lich der Sek­tor, der am meis­ten an Fähigkeit ver­liert, den Leben­sun­ter­halt zu ver­di­enen.  Und das ist der Punkt, den wir in Gemein­den wie in Kol­wezi betra­cht­en, wo es die informelle Wirtschaft ist, die ihren Leben­sun­ter­halt sichert.  Hier kom­men wir also mit­ten in die Geschichte mit dem, was in Kol­wezi passiert.  Wie ich bere­its erwäh­nte, gab es eine Menge…  Eine Menge, sagen wir, ziem­lich viel Forschung und einige Advocacy‑, inter­es­sante inter­na­tionale Advo­ca­cy-Ini­tia­tiv­en rund um die Anwe­sen­heit von Kindern in der Liefer­kette von Bat­te­rien, aus­ge­hend von Kol­wezi, DRC, mit der Gewin­nung von Kobalt.  Und das hat die…  Das hat viele große Konz­erne alarmiert, vor allem die zwei oder drei Leute, wie Bri­an sagte, die Experten für Men­schen­rechte und Wirtschaft in diesen Konz­er­nen sind.  Es hat ihre Aufmerk­samkeit auf das Prob­lem der Kinder­ar­beit gelenkt.  Aber wie ich bere­its erwäh­nt habe, müssen wir ein biss­chen tiefer blick­en, denn der Kon­text, den wir betra­cht­en, ist kein, wie soll ich sagen, schwarz­er oder weißer Kon­text.  Wir sprechen über eine weit­ge­hend informelle Wirtschaft, an der die Mehrheit der Bevölkerung beteiligt ist.  Der Abbau dieser Min­er­alien erfol­gt, so schätzt man, zu 20 bis 40 Prozent durch so genan­nte handw­erk­liche Bergleute.  Der handw­erk­liche Berg­bau in diesem Gebi­et, aber auch im größten Teil der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go, ist ein höchst unreg­uliert­er Sek­tor.  Den­noch bietet er einem sehr großen Teil der Bevölkerung eine Lebens­grund­lage.  Das bedeutet, dass wir nicht wirk­lich nach einem Arbeit­ge­ber, einem Unternehmen suchen kön­nen, an das wir uns wen­den kön­nen, wenn wir das The­ma men­schen­würdi­ge Arbeit oder Sklavenbe­din­gun­gen oder angemessene Bezahlung oder Sicher­heit ansprechen wollen.  Wir sprechen haupt­säch­lich von Einzelper­so­n­en, die sich zusam­men­schließen, jet­zt nach dem neuen Berg­bauge­setz müssen sie sich im Rah­men von Koop­er­a­tiv­en zusam­men­schließen.  Aber trotz­dem sind ihre Arbeits­be­din­gun­gen extrem unbeständig, extrem anfäl­lig für die Schwankun­gen des Mark­tes und der Käufer und der­jeni­gen, die den Preis machen.  Als wir die Arbeits­be­din­gun­gen dieser handw­erk­lichen Bergleute in den Gemein­den, die die meis­ten Min­er­alien inner­halb der Kobalt-Liefer­kette liefern, etwas genauer unter­sucht­en, fan­den wir eine Art Dick­en­s’sches Bild vor, eine vorindus­trielle Szener­ie, in der eine Art kollek­tives Han­deln, einige Ideen von kollek­tiv­en Ver­hand­lungssys­te­men, noch abso­lut fern sind und als sehr, sehr weit ent­fer­nt gel­ten.  Das, was man als Keimzelle, als Aus­gangspunkt eines Prozess­es des Ein­tretens und der Lob­b­yarbeit für die Rechte der Arbeit­nehmer betra­cht­en kön­nte, war also abso­lut nicht vorhan­den.  Was wir also vor­fan­den, sind Ver­hält­nisse, in denen die Bergleute, wie Sie hier lesen kön­nen, zwis­chen 0,8 und 50 Cent pro Tag für das, was sie pro­duzieren, bezahlt wer­den.  Sie haben keine Ahnung, was der Mark­t­preis für das, was sie pro­duzieren, ist.  Und sie haben eine extrem eingeschränk­te Ver­hand­lungs­macht.  Die Bedin­gun­gen, die unsere Forsch­er vor Ort vor­fan­den, waren ver­gle­ich­bar mit dem, was sie in den Flüchtlingslagern im Süd­su­dan sahen.  Wenn man das also als Maßstab nimmt, als Bench­mark, sagen wir, für die unter­ste mögliche Seite des Spek­trums in Bezug auf Arbeit­srechte, dann war dies defin­i­tiv am unteren Ende des Spek­trums ange­siedelt, am äußer­sten Ende des Spek­trums.  Was waren die Hin­dernisse für men­schen­würdi­ge Arbeit im handw­erk­lichen und kleinen Berg­bausek­tor, die wir iden­ti­fizieren kon­nten und die wir immer noch als die Schlüs­se­lele­mente betra­cht­en, die ange­gan­gen wer­den müssen?  Defin­i­tiv gibt es einen Man­gel an Aufk­lärung über die Rechte von Arbeit­ern und Bergleuten.  Obwohl es in der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go Geset­ze und ziem­lich aus­ge­feilte Geset­ze gibt, die the­o­retisch die Rechte dieses speziellen Sek­tors der Arbeit­er­schaft vertei­di­gen, sind sie nicht gut bekan­nt und wer­den defin­i­tiv nicht durchge­set­zt.  Und das führt zu einem total­en Man­gel an Ver­hand­lungs­macht der Bergar­beit­er.  Also null kollek­tive Kapaz­ität, um kollek­tive Aktion­sini­tia­tiv­en durchzuführen.  Es beste­ht ein ständi­ges Risiko, diese selb­st min­i­male Ver­hand­lungs­macht zu ver­lieren, und zwar auf­grund ein­er Rei­he von Prob­le­men, die mit dem Besitz des Lan­des zusam­men­hän­gen, auf dem diese Leute schür­fen, da sie meist ille­gal arbeit­en.  Es gibt eine Dul­dung dieser Bergleute, aber es gibt keine tat­säch­liche Bere­it­stel­lung von Recht­en, in diesen Gebi­eten zu schür­fen, obwohl diese Gebi­ete von denen, die die Konzes­sio­nen besitzen, nicht genutzt wer­den.  Sie müssen sich vorstellen, dass die Berg­baukonzes­sio­nen die Größe ein­er mit­tel­großen ital­ienis­chen Region haben.  Sie sind also riesig, groß und weit­ge­hend ungenutzt.  Die Größe der Koop­er­a­tiv­en, die sich gebildet haben, und ihre Beschaf­fen­heit in Bezug auf die geset­zlichen und ver­traglichen Rechte ist äußerst undurch­sichtig und von Kor­rup­tion und Absprachen mit staatlichen poli­tis­chen Kräften geprägt, die jede Art von Trans­parenz ver­hin­dern.  Es gibt ein starkes Risiko von Schuld­ver­hält­nis­sen zwis­chen den Mit­gliedern der Koop­er­a­tiv­en und den Eigen­tümern der Koop­er­a­tiv­en.  Wir kön­nten sie also nicht ein­mal nach unseren europäis­chen Stan­dards als wirk­liche Koop­er­a­tiv­en beze­ich­nen, sagen wir, und wir haben beobachtet, dass in vie­len Fällen die Men­schen, die in diesen Berg­w­erken arbeit­en, nicht nur die Bergleute, son­dern auch ihre Fam­i­lien, die sehr oft inner­halb dieser Berg­baukonzes­sio­nen leben, nicht ein­mal die Frei­heit haben, sich zu bewe­gen.  Und wenn wir das nicht als mod­erne Sklaverei definieren kön­nen, dann weiß ich nicht, was als mod­erne Sklaverei gel­ten würde.  Wie ich schon sagte, gibt es extrem starke, aber ich werde hier nicht ins Detail gehen, vielle­icht kön­nen wir das während der Frages­tunde durchge­hen.  Es gibt defin­i­tiv Prob­leme im Zusam­men­hang mit der Strafver­fol­gung und der Schwierigkeit für die Regierungs­be­hör­den und die Polizei, eine effek­tive Unter­stützung für die Rechte dieser Arbeit­er zu sein.  Eher das Gegen­teil ist der Fall.  Kor­rup­tion und geheime Absprachen ste­hen im Grunde genom­men den Recht­en dieser Arbeit­er ent­ge­gen.  Was ich zum Schluss noch sagen wollte, ist ein klein­er Hoff­nungss­chim­mer.  Es gibt neue Reg­ulierungssys­teme, die im Entste­hen begrif­f­en sind.  Es gibt Ver­suche der Regierung der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go, ein öffentlich-pri­vates Unternehmen zu grün­den, das, sagen wir mal, bessere Mark­tbe­din­gun­gen schaf­fen soll, wie wir über Anreize sprachen, damit die handw­erk­lichen Bergleute ihren Betrieb for­mal­isieren.  Es gibt eine Menge Prozesse von mul­ti­lat­eralen Agen­turen und Mul­ti-Stake­hold­er-Ini­tia­tiv­en, um Stan­dards für diesen Sek­tor zu entwick­eln.  Und wir sind Teil von eini­gen davon.  Und es ist defin­i­tiv ein sehr, sehr schwieriger Prozess, spez­i­fis­che Stan­dards aus der Per­spek­tive des Men­schen­rechtss­chutzes zu definieren.  Und es gibt Ini­tia­tiv­en wie die, die wir leit­en, um alter­na­tive Lebens­grund­la­gen zu fördern, die auf guten Mod­ellen von Social-Busi­ness-Koop­er­a­tiv­en basieren, die auch einen Stan­dard für die lokale Genossen­schafts­be­we­gung set­zen kön­nen, der sich auf men­schen­würdi­ge Arbeit und Arbeit­nehmer­rechte konzen­tri­ert.  Ich werde also hier aufhören und nehme gerne alle Fra­gen entgegen.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank, Cristi­na. Wenn ich Ihnen zuhöre, was ich sehr inter­es­sant fand oder was mir auffiel, ist, dass man sagen kann, dass ein Man­gel an Bil­dung zu vie­len anderen Grün­den führt, wie zum Beispiel ein Man­gel an Ver­hand­lun­gen. Die Leute haben sich nicht die Mühe gemacht, zu ler­nen, wie man ver­han­delt, und sie sind nicht in der Lage, Fälle zu melden.  Ich denke, es wird auch viel Aufk­lärung nötig sein, um die Sit­u­a­tion zu verbessern, neben all den rechtlich notwendi­gen Maß­nah­men, an denen Sie beteiligt sind.  Nun haben wir einen ersten Ein­blick in die prak­tis­che Arbeit in der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go erhal­ten. Wir wer­den jet­zt zu Her­rn Andrea March­esani gehen.  Er ist Son­der­ber­ater des Mal­te­seror­dens, Mit­glied der Sek­tion Migranten und Flüchtlinge, eines Dikas­teri­ums des Heili­gen Stuhls für men­schliche Entwick­lung.  Sie haben das Wort.

 

ANDREA MARCHESANI: Vie­len Dank, Schwest­er Mir­jam.  Guten Abend an alle. Es ist mir ein Vergnü­gen, heute Abend, heute Nach­mit­tag, in mein­er Eigen­schaft als Lei­t­erin der Forschungsabteilung für Migranten und Flüchtlinge des Heili­gen Stuhls, das Wort zu ergreifen.  Und meine Auf­gabe heute ist es, die…  Ich möchte mich bei Michel für die Ein­ladung bedanken, bei allen anderen Red­nern und beim Mal­te­seror­den.  Und meine Auf­gabe heute Abend ist es, über men­schen­würdi­ge Arbeit zu sprechen, und erlauben Sie mir, das Wort zu benutzen, das alle Päp­ste in allen Doku­menten benutzt haben, in jedem sozialen Doku­ment der Kirche benutzen sie das Wort Arbeit, um über men­schen­würdi­ge Arbeit zu sprechen, und lassen Sie es mich mit den Pas­toralen Leitlin­ien zum Men­schen­han­del in Verbindung brin­gen, die die Sek­tion vor ein paar Jahren in Zusam­me­nar­beit mit vie­len von Ihnen, die in Sacro­fano bei der Kon­sul­ta­tion und bei der Kon­ferenz anwe­send waren, ent­wor­fen und geschrieben hat.  Und so würde ich ganz am Anfang begin­nen.  Und zwar bei der Gen­e­sis, wo wir die Schöp­fung find­en und wir find­en Arbeit, wir find­en Arbeit in der Schöp­fung, und die Schöp­fung selb­st ist die Arbeit, ist das Werk Gottes.  Und in der Schöp­fung, während der Schöp­fung, hat Gott die Pflege und die Kul­tivierung der Erde den Geschöpfen anver­traut.  Hier haben wir also die erste Tat­sache oder die ersten Dat­en, dass die Schöp­fung, die Arbeit, nicht eine absolute Herrschaft des Men­schen über die Schöp­fung ist, son­dern sie respek­tiert den Willen Gottes und der anderen Geschöpfe.  Die Arbeit, das Werk, kann also kein Götze sein, kann keine Herrschaft sein.  Und das ist der Punkt der Erb­sünde und der Herrschaft, das ist die Aus­beu­tung der anderen, der anderen Geschöpfe und der Schöp­fung, um bei Lauda­to Si’ zu bleiben.  Und eine andere inter­es­sante Sache ist, dass die Sab­ba­truhe, die Ruhe, die Gott am Ende der Schöp­fung hat, nicht nur die Verehrung der Schöp­fung ist, son­dern für die Geschöpfe, es ist die Verehrung Gottes selb­st, und es ist das, was die katholis­che Soziallehre als die Ruhe zur Vertei­di­gung der Armen definiert.  Und wenn wir später in den Büch­ern der Richter und des Deuteronomi­ums gehen, find­en wir, dass eine der Sün­den, wie der Heilige Papst Pius der Zehnte definierte, eine der Sün­den, die sie zum Him­mel schreien, die Ungerechtigkeit gegenüber den Lohnempfängern ist, und die Apos­tolis­che Kon­sti­tu­tion von Paul VI. sagt, dass ein Lohn es den Arbeit­ern und ihren Fam­i­lien ermöglichen soll, über der Armutsgren­ze zu leben, Zeit für die Erhol­ung zu haben und das Leben zu genießen, das nor­male Leben zu genießen, und für Bil­dung und Mit­tel zu sor­gen, die genug und aus­re­ichend für die Fam­i­lie sind.  Danach kön­nen wir also sagen, dass unanständi­ge Arbeit Sklaverei ist.  Und wie Bri­an schon sagte, wir kön­nen über viele Struk­turen reden, wir kön­nen über das Sys­tem reden.  Aber der Punkt ist ein­er, der Haupt­punkt ist ein­er, es ist die Erb­sünde.  Also die Aus­beu­tung, die Herrschaft über die anderen Lebe­we­sen.  Und daraus schaf­fen die Struk­turen, die die katholis­che Soziallehre als Struk­tur der Sünde definiert, soziale und wirtschaftliche Aus­gren­zung, so haben wir ein Wirtschaftssys­tem, das den Vor­rang der Dinge vor dem Men­schen zulässt, den Vor­rang des Kap­i­tals vor der Arbeit und dem Geld, die Tech­nolo­gie als Zweck und nicht als Mit­tel.  Und so haben wir all dies als Kon­se­quen­zen.  Das ist also eine Struk­tur der Sünde und das ist das Prob­lem, und es ist ein Prob­lem, das sich unge­hin­dert fort­set­zt, weil es ein Sys­tem ist, das die Men­schen, die Men­schen als bloße Ware für den Eigen­nutz ander­er behan­delt.  Und…  Bri­an sagte also, wir müssen uns konzen­tri­eren, wir müssen eine Kul­tur iden­ti­fizieren, die dafür ver­ant­wortlich ist, und das kön­nte die Weg­w­er­fkul­tur sein, die der Papst viele Male genan­nt hat, eine Kul­tur der Ver­schwen­dung, die gegen die Zen­tral­ität der men­schlichen Per­son ist, die Zen­tral­ität der men­schlichen Per­son, das Sys­tem.  Also das Wirtschaftssys­tem, das poli­tis­che Sys­tem, ste­ht im Dienst des Men­schen und nicht umgekehrt.  Und wir helfen auch heute, in der Mod­erne, wir helfen bei der Ablenkung des Kap­i­tals von der Real­wirtschaft.  Und wenn das exzes­siv ist, und wenn es eine exzes­sive Akku­mu­la­tion gibt, wer­den die Men­schen aus­geschlossen, und die Arbeit ist ein Instru­ment, und das Geld ist ein Zweck für wenige.  Um also auf die Nach­fragea­spek­te zurück­zukom­men, jed­er von uns ist ein Kon­sument und wir sind alle daran beteiligt.  Der Papst…  Ich war damals mit Michel in Genf und der Papst sagte, dass wir alle ver­ant­wortlich sind für den Tod von Men­schen, für den Auss­chluss von Men­schen, weil wir ein Teil davon sind und das Gemein­wohl nicht erre­icht wer­den kann, wenn nicht jed­er ein­be­zo­gen wird, wenn die inte­grale men­schliche Entwick­lung eines jeden nicht in Betra­cht gezo­gen wird.  Wir sind also alle Teil davon, und wir haben die Vorteile dieses Sys­tems, eines Sys­tems, das sich als Ver­schwörung des Schweigens für den Prof­it entwick­elt, und das ist nicht weit von uns ent­fer­nt, es ist nicht nur in großen Unternehmen in der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go, sehr weit von uns ent­fer­nt, son­dern es ist in unseren Häusern und in ange­se­henen Unternehmen.  Was ich also meine, ist, dass das Geschäft in diesem Fall nicht mit Men­schen­han­del oder Sklaverei ver­bun­den ist.  Aber es ist der Ort, es ist der Ort, an dem es sich abspielt.  Und über­all dort, wo es Men­schen gibt, die mehr gezwun­gen wer­den oder unter schlim­men Bedin­gun­gen oder unter unmen­schlichen Bedin­gun­gen arbeit­en, haben wir Sklaverei und unwürdi­ge Arbeit.  Der Wet­tbe­werb auf den Märk­ten und die Senkung der Arbeit­skosten lassen den Men­schen also keine Wahl, Arbeit unter schlim­men Bedin­gun­gen anzunehmen.  Und was die Ver­brauch­er bet­rifft, so erin­nert uns Benedikt XVI. in der Enzyk­li­ka Car­i­tas in ver­i­tate daran, dass der Kauf, das Kaufen von etwas nicht nur ein wirtschaftlich­er Akt ist, son­dern auch ein moralis­ch­er Akt mit ein­er beson­deren sozialen Ver­ant­wor­tung.  Was kön­nen wir also tun, was kann das Heilmit­tel dafür sein?  Das erste ist die Erziehung, die Kul­tur.  Und das muss von Anfang an begin­nen.  Das ist nicht ein­fach.  Das zweite ist die unternehmensethis­che Bew­er­tung, denn oft hören wir von der sozialen Ver­ant­wor­tung der Unternehmen.  Aber oft ist es Mar­ket­ing, es ist Teil des Mar­ket­ings oder der Öffentlichkeit­sar­beit eines Unternehmens.  Und es ist nicht effek­tiv, und sie schauen immer noch nur auf die Effizienz, das ist eine andere Sache.  Und um das Par­a­dig­ma zu ändern, müssen wir das Par­a­dig­ma ändern.  Und das ist der Punkt, wo die Soziallehre der Kirche nach der indus­triellen Rev­o­lu­tion angekom­men ist, indem sie die Sit­u­a­tion der Arbeit­er auf der ganzen Welt begleit­et hat und ver­sucht hat, etwas zu sagen, zum Beispiel über Mitbes­tim­mung, über eine Kon­trolle des Mark­tes, des Sys­tems, aber natür­lich über freie Ini­tia­tiv­en, aber gemein­sam, nicht das eine oder das andere allein.  Eine andere Sache, die eine Auf­gabe ist, ich kann für die Kirche sprechen, ist die Evan­ge­lisierung und die pas­torale Begleitung der Arbeit­nehmer in den Gew­erkschaften, die Arbeit der Kirche in den Gew­erkschaften und auch in den Arbeit­ge­berver­bän­den.  Und ein fün­ftes Ele­ment kön­nte die Vertei­di­gung der Fam­i­lie sein, denn die Fam­i­lie ist der Fil­ter durch das Sys­tem, sie ist die erste Zelle der Gemein­schaft und sie erlaubt es den Men­schen, das Sys­tem zu fil­tern, das wirtschaftliche Sys­tem, das kul­turelle Sys­tem, das sich in dieser Zeit der Glob­al­isierung als Glob­al­isierung der Gle­ichgültigkeit sehr gut ver­bre­it­et.  Und das ist die erste Waffe, die wir ver­stärken und unter­stützen müssen.  Je mehr also eine Gemein­schaft zer­split­tert ist, desto mehr Men­schen­han­del und Sklaverei ist möglich.  Der Indi­vid­u­al­is­mus kann sich unge­hin­dert aus­bre­it­en, und die Men­schen wer­den nicht von der Gemein­schaft oder von der Fam­i­lie geschützt.  Zum Beispiel, wis­sen Sie, unanständi­ge Arbeit, unanständi­ge Arbeit und Sklaverei sind nicht sehr weit von uns ent­fer­nt, wie ich schon sagte, aber auch in sehr ange­se­henen Unternehmen, wo junge Fachkräfte ankom­men, manch­mal been­den sie ihre Arbeit sehr spät, sie haben kein Leben, aber wenn sie das nicht tun, kön­nen sie nicht wach­sen, sie kön­nen sich beru­flich nicht entwick­eln, sie kön­nen von Arbeit­ge­bern gemobbt und gezwun­gen wer­den.  Ich möchte also hinzufü­gen, dass Sklaverei und unanständi­ge Arbeit manch­mal auch auf frei­williger Basis stat­tfind­et und nicht nur auf Zwang.  Und eine weit­ere Sache, die ich her­vorheben möchte, ist, dass in dieser Zeit der Pan­demie, in der die Tech­nolo­gie so sehr in unser Leben, in unser Arbeit­sleben, ein­dringt, die Tech­nolo­gie die Arbeit entstellt und entstellen kann, und dass intel­li­gentes Arbeit­en eine selt­same Dynamik erzeugt, selb­st an bish­er anständi­gen Arbeit­splätzen.  Und so möchte ich ein­fach mit dem heili­gen Thomas schließen, dass “Arbeit ein­fach keine Sache ist, die man…”.  Ich hat­te das Zitat hier, ich habe es ver­loren.  “Sie ist nicht nur dazu da, um Geld zu ver­di­enen, son­dern sie ist Teil der Natur des Men­schen selb­st.  Die Arbeit ist eine gute Sache für den Men­schen, eine gute Sache für die Men­schheit, weil der Men­sch mit der Arbeit nicht nur die Natur umwan­delt, indem er sie seinen Bedürfnis­sen anpasst, son­dern er erre­icht auch die Erfül­lung als Men­sch und wird in gewis­sem Sinne ein men­schlicheres Wesen.  Anständi­ge Arbeit ist eine Voraus­set­zung für die Ver­wirk­lichung des Gemein­wohls.”  Vie­len Dank!

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank, Andrea. Das war auch ein weit­er­er Aspekt von men­schen­würdi­ger Arbeit. Sie sprachen wie Bri­an über die Kul­tur der Arbeit und über das Sys­tem, aber auch, dass der Kauf ein moralis­ch­er Akt ist.  Du bringst also einen weit­eren spir­ituellen und glaubens­basierten Ansatz für das Phänomen der men­schen­würdi­gen Arbeit in die Diskus­sion ein.  Und jet­zt, nach­dem wir von Ihnen gehört haben, gehen wir zu Dr. Gabriele Spina, er ist Psy­chologe und Pro­jek­tleit­er für das Kon­sor­tium “Il Nodo” in Cata­nia, Ital­ien, zuständig für Jugend­schutz und Migranten.  Er wird uns seine Arbeit vorstellen.  Wie sie junge Migranten aus­bilden, damit sie sich in die Gesellschaft inte­gri­eren kön­nen, damit sie in der Lage sind, eigene Posi­tio­nen mit men­schen­würdi­gen Arbeits­be­din­gun­gen zu bekom­men, denn das ist nicht so ein­fach. Du hast das Wort, Gabriele.

 

GABRIELE SPINA: Ich danke Ihnen, Michel und Schwest­er Mir­jam, dass Sie mich ein­ge­laden haben, die Arbeit mein­er Organ­i­sa­tion zu erläutern, die den Migranten hil­ft.  Ich denke, dass meine Diskus­sion sehr mit eini­gen der The­men zusam­men­hängt, über die wir sprechen, näm­lich Bil­dung, die Verbesserung der Fähigkeit­en und die kul­turellen Prob­leme im Zusam­men­hang mit der Arbeit.  Und ich möchte ein paar Minuten damit ver­brin­gen, meine Organ­i­sa­tion vorzustellen, “Con­sorzio Il Nodo”, die im Jahr 2000 gegrün­det wurde.  Und es beste­ht aus über 10 sozialen Koop­er­a­tiv­en, die ihre Arbeit 1970 mit Unter­stützung der Kon­gre­ga­tion der Schwest­ern vom Guten Hirten begonnen haben.  Und wir arbeit­en in vie­len Bere­ichen, haupt­säch­lich natür­lich mit den Migranten, unbe­gleit­eten aus­ländis­chen Min­der­jähri­gen, Erwach­se­nen, ital­ienis­chen Min­der­jähri­gen, auch ohne for­male Aus­bil­dung in der Schule oder auf der Straße, und auch mit der Arbeit­spoli­tik und mit irgen­dein­er Art von Schwierigkeit­en wie wirtschaftlichen, sozialen oder psy­chol­o­gis­chen, et cetera.  Im Zusam­men­hang mit der Arbeit, die wir mit den Migranten machen, helfen wir ihnen mit ihren gesund­heitlichen Prob­le­men, den admin­is­tra­tiv­en Doku­menten und geben ihnen Unter­stützung: die soziale, wirtschaftliche und psy­chol­o­gis­che Unter­stützung.  Diese drei Teile, kurz gesagt, sind Inte­gra­tion, und 80 Prozent der Inte­gra­tion ist mit der Arbeit ver­bun­den, weil es sehr wichtig für ihre Inte­gra­tion ist, in diesem Bere­ich zu arbeit­en.  Wir beherber­gen nor­maler­weise 380 Begün­stigte, und davon sind 330 Migranten, unbe­gleit­ete Min­der­jährige, Erwach­sene, Frauen mit Kindern, und sie sind in 44 Struk­turen unterge­bracht, 99 Prozent in ein­er Wohnge­mein­schaft und nicht allein.  Aber das ist der erste Schritt, sehr wichtig, um das zu inte­gri­eren.  Für uns ist die Wohnan­lage und die Per­son, die in unseren Woh­nun­gen lebt, unser Mitar­beit­er.  Und das ist sehr wichtig, um den Jungs zu helfen, sich zu inte­gri­eren, die Kul­tur zu ver­ste­hen.  Vor etwa sechs Jahren haben wir eine Arbeits­gruppe gebildet, die sich aus ital­ienis­chen und aus­ländis­chen Kol­le­gen zusam­menset­zt, die ehe­ma­lige Begün­stigte unseres Pro­jek­ts sind, oder Per­so­n­en, die nicht mit uns arbeit­en, aber ehe­ma­lige Begün­stigte waren, die jet­zt in anderen Bere­ichen oder in NGOs arbeit­en.  Und wir haben diese Gruppe gebildet, weil wir etwas verän­dern und ein neues Mod­ell der Inte­gra­tion schaf­fen wollen, denn das erste Prob­lem, das erste Bedürf­nis der Ein­wan­der­er, der Begün­stigten, ist es, Doku­mente zu haben und zu arbeit­en.  Es ist ihnen egal, ob ihre Arbeit reg­ulär oder irreg­ulär ist, mit dem richti­gen Gehalt oder nicht.  Es ist also sehr schwierig, sie in Aktiv­itäten einzu­binden, die Schritt für Schritt ihre Befähi­gung organ­isieren.  Die erste Frage, die wir haben, ist, warum die Begün­stigten mor­gens auf­ste­hen müssen, und so fan­gen wir an, eine Kette von Aktiv­itäten zu organ­isieren, Lab­o­ra­to­rien, die wie eine Bat­terie organ­isiert sind, für Lek­tio­nen, und dann Prü­fun­gen, in einem Schritt, begin­nend mit der Aktiv­ität, zum Beispiel über die Gesund­heit, zweit­ens über die Hauswirtschaft, über ihre Gesund­heit, ihre Hygiene, die per­sön­liche Hygiene und die Hygiene der gemein­samen Räume.  Zweit­ens, die Hauswirtschaft.  Ich hoffe, dass Sie mich ver­ste­hen wer­den.  Zum Beispiel, wie Sie die Beziehung mit dem Mit­be­wohn­er, mit der Per­son, die in der anderen Woh­nung lebt, man­a­gen kön­nen, wie Sie recyceln kön­nen, wie Sie die Rech­nun­gen bezahlen kön­nen, und et cetera.  Ein weit­er­er Schritt ist die staats­bürg­er­liche Erziehung, ein weit­er­er ist das Rechtssys­tem in Ital­ien und begin­nend in diesem Schritt, wenn sie diesen Schritt mit Prü­fun­gen beste­hen, ver­set­zen wir sie von der größeren Struk­tur in die kleinere Struk­tur.  Wenn dieser Teil abgeschlossen ist, begin­nen wir mit Aktiv­itäten der Befähi­gung im Beruf, und wir organ­isieren vor dem Prak­tikum, das nor­mal für unsere Aktiv­itäten ist, vor diesem Schritt begin­nen wir mit dem Arbeit­sla­bor inner­halb des Kon­sor­tiums in Bezug auf die Land­wirtschaft, Wartung, Elek­trik­er, Restau­rant.  Und diese Leute wer­den von einem Tutor begleit­et.  Das ist wie ein Work­shop, es ist kein Job, aber wir bezahlen sie auch, und gle­ichzeit­ig gibt der Tutor ihnen eine Note.  Wenn zum Beispiel eines der The­men die Zeit ist, die sie zum Work­shop kom­men müssen, und das zweite ist die Klei­derord­nung, das dritte ist die Anstren­gung, die sie in die Arbeit steck­en, und das let­zte ist die Fähigkeit.  Und wir geben ihnen die Punk­te drei, zwei, eins.  Und je nach der Punk­tzahl ändern wir das Gehalt, das wir ihnen geben.  Wenn ich darüber in sozialer Hin­sicht spreche, denkt die Per­son, dass diese Art von Organ­i­sa­tion ein biss­chen grausam ist, dass es nicht kor­rekt ist, diese Art von Unter­schieden zu benutzen, weil wir sehr streng sind.  Zum Beispiel, wenn ein Begün­stigter um 8:00 Uhr ankom­men muss, und er kommt um 8:00 Uhr an, dann hat er 3, wenn er um 8:01 Uhr ankommt, hat er 2, wenn er um 8:16 Uhr ankommt, hat er 1.  Mit der Note 3 haben sie 5€ pro Stunde, mit der Note 2, 3,50€ mit ein­er Note von 1, 2,50€.  Es ist nicht sehr groß, weil es einen Algo­rith­mus gibt, der alle Punk­tzahlen erfüllt, so dass der Unter­schied nor­maler­weise 50€, 100€ beträgt, aber es ist sehr wichtig, weil wir wis­sen, dass sie am Anfang nor­maler­weise nicht um 8:00 Uhr, son­dern um 8:20, 8:30, 8:40 Uhr ankom­men wer­den.  Als wir mit dieser Art von Punk­ten ange­fan­gen haben, kom­men sie jet­zt jedes Mal 10 Minuten vor 8:00 Uhr an.  Es ist nicht wichtig, in unserem Pro­jekt um 10 Minuten vor 8:00 Uhr anzukom­men, aber es ist sehr wichtig, weil diese Per­son im Markt bleiben muss und sie muss auch sehr, sehr leis­tungs­fähig sein, weil sie die Konkur­renz der anderen Per­son hat.  Für uns ist es also sehr wichtig.  Und das ist ein Moment, in dem sie eine Menge kul­tureller Aspek­te im Zusam­men­hang mit dem Job ler­nen.  Es ist wie…  In Ital­ien ist es die Alpha­betisierung, sie ler­nen nicht nur die Sprache, son­dern sie ler­nen auch, wie sie den Job bewälti­gen kön­nen.  Diese Art von Aktiv­ität wurde geboren, weil unsere let­zte Erfahrung darin bestand, direkt in ein Prak­tikum außer­halb des Kon­sor­tiums einzusteigen.  Und oft scheit­erten diese Leute, nicht weil sie nicht gut waren, son­dern weil sie nicht bere­it waren, auf dem Markt zu bleiben.  Es war also sehr, sehr wichtig, diese Art von Aktiv­itäten zu haben.  Ich weiß nicht, ob…  Ich kann an diesem Punkt bleiben.  Und wenn Sie wollen, kann ich bess­er erk­lären, wenn es einige Fra­gen gibt, wie unser Labor, unsere Aktiv­itäten funktionieren.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank, Gabriele. Das war sehr inter­es­sant, und ich hörte auch, von dem, was Sie über Kul­tur sagten, war auch in ein­er Menge, und ich erin­nere mich, dass Bri­an über Kul­tur sprach, aber es ist eine Kul­tur, die wir als Ver­brauch­er brauchen. Aber die Pro­duzen­ten, und die Per­son, die eine Posi­tion zum Arbeit­en hat, braucht auch eine Kul­tur, die vielle­icht mehr region­al ist, wis­sen Sie, wie mehr dort, wo sie leben, und die Kul­tur der Kon­sumenten sollte glob­al sein. Das ist also etwas, was für mich her­ausstach.  Aber wir machen weit­er, mit unserem näch­sten Red­ner, der Pro­fes­sor Marc Ches­ney ist.  Er ist Leit­er des Fach­bere­ichs Bank- und Finanzwe­sen und des Kom­pe­tenzzen­trums für nach­haltige Finanzen an der Uni­ver­sität Zürich in der Schweiz, nach­dem er zuvor stel­lvertre­tender Dekan der HEC Paris war, und Autor von “The Per­ma­nent Cri­sis:  Die Finan­zoli­garchie und das Scheit­ern der Demokratie’.  Seit vie­len Jahren entwick­elt er eine kri­tis­che Analyse des Finanzsek­tors und sein­er Fol­gen für die Real­wirtschaft sowie über die Geisel­nahme der Demokra­tien.  Herr Ches­ney, Sie haben das Wort.

 

  1. MARC CHESNEY: Vie­len Dank. Ich danke Ihnen für die Ein­ladung, Michel. Heute Abend werde ich mich auf unanständi­ge Arbeit konzen­tri­eren. Unanständi­ge…  Was bedeutet das hier?  Unanständig, obwohl sie ein sehr hohes Einkom­men garantiert und obwohl sie eine sehr gute soziale Absicherung bein­hal­tet.  Unanständig, weil sie mit Zynis­mus und Wet­ten ver­bun­den ist.  Wir wer­den uns also auf die andere Seite der Medaille konzen­tri­eren.  Denn ohne Zynis­mus gibt es keine Kinder­ar­beit und keine Sklaverei.  Und so werde ich ver­suchen, den Kon­text zu ver­ste­hen, den finanziellen Kon­text und was in den 13 Jahren zwis­chen, sagen wir, dem Bankrott der Bank Lehman Broth­ers und den Skan­dalen im Zusam­men­hang mit der Cred­it Suisse, den jüng­sten Skan­dalen, passiert ist.  Ich werde mich also auf den Finanzsek­tor konzen­tri­eren und genauer gesagt auf etwa 30 große Banken, too big to fail insti­tu­tions, von 30.000 Banken. Ich konzen­triere mich also auf diese “too big to fail”-Institute.  Das ist das Pro­gramm für den heuti­gen Abend, also werde ich wieder mit Lehman Broth­ers begin­nen und den aktuellen Kon­text erk­lären, Beispiele für tox­is­che Finanzpro­duk­te, für Wet­ten und Zynis­mus geben und mit ein­er pos­i­tiv­en Note schließen.  Ich werde mich also auf meine Büch­er stützen, genauer gesagt auf die Kapi­tel zwei und vier. Was geschah also vor 13 Jahren mit der Pleite von Lehman Broth­ers?  Es ist inter­es­sant, ich habe den let­zten Geschäfts­bericht gele­sen, der noch online ist, sehr inter­es­sant.  Wenn Sie also die Zeit haben, einen Blick darauf zu wer­fen, wer­den Sie Worte find­en wie “Reko­rdleis­tung”, “grandiose Ergeb­nisse”, “Bemühun­gen im Tal­ent­man­age­ment”, “Exzel­lenz”, “Fokus auf Risiko­man­age­ment”.  Unglaublich. Ein paar Monate später sind sie ver­schwun­den, sie sind bankrott gegan­gen, aber sie haben sich auf Exzel­lenz und Risiko­man­age­ment konzen­tri­ert.  Und diese Bank sollte laut ihrem Jahres­bericht Fra­gen des Kli­mawan­dels ange­hen und sich auch auf Nach­haltigkeit, Ver­ant­wor­tung und Phil­an­thropie konzen­tri­eren.  Also im Grunde genom­men Green­wash­ing.  Was die Rat­ing-Agen­turen bet­rifft, so erhielt diese Bank noch wenige Tage vor ihrem Konkurs gute Bew­er­tun­gen, min­destens A. Und der let­zte CEO dieser Bank erhielt zwis­chen 2000 und 2007 rund eine halbe Mil­liarde Dol­lar, trotz sein­er Ver­ant­wor­tung für den Konkurs.  Es war also ein Ver­sagen eines Finan­z­an­a­lysten, im Grunde genom­men, also habe ich mir die Zeit genom­men, diesen Jahres­bericht zu lesen.  Es ist wie ein Puz­zle, man muss ver­suchen zu ver­ste­hen, wie es funk­tion­iert.  Und eine Kenn­zahl hätte gere­icht, um zu ver­ste­hen, dass die Sit­u­a­tion sehr gefährlich war.  Und dieses Ver­hält­nis ist 50, das hier erscheint, 50.  Es ist das Ver­hält­nis zwis­chen außer­bilanziellen Aktiv­itäten und bilanziellen Aktiv­itäten.  Also im Grunde genom­men Bilan­za­k­tiv­itäten, das ist wie ein Eis­berg, also das, was man sieht, und außer­bilanzielle Aktiv­itäten, das, was man unter dem Tisch ver­steckt mit vie­len kom­plex­en und dubiosen Geschäften.  Und was ist mit heute, jet­zt?  Kurz gesagt, weil wir nicht viel Zeit haben, haben Sie in Grün das glob­ale BIP bis 2019, etwa 18.000 Mil­liar­den Dol­lar.  In Orange sehen Sie die Schulden, die glob­alen Schulden, pri­vate und öffentliche Schulden zusam­men.  Vor COVID-19 entsprach sie etwa 300 Prozent des glob­alen BIP.  Jet­zt liegt sie bei etwa 360 Prozent des glob­alen BIP.  Das ist zu hoch, nur um das klarzustellen, es ist zu hoch, um real­is­tisch zu sein.  Es wird für die Unternehmen, für alle Unternehmen und Län­der nicht möglich sein, diese enorme Ver­schul­dung zu tilgen.  Wir wer­den also mit Zahlungsaus­fällen oder Insol­ven­zen kon­fron­tiert sein und sind es bere­its.  Und in dieser Art von Finanzkasi­no gibt es Wet­ten, deshalb habe ich in mein­er Ein­leitung von Zynis­mus gesprochen, also zur gle­ichen Zeit, in der in Kranken­häusern die Ärzte gegen COVID-19 kämpften, sich selb­st opfer­ten, sog­ar physisch, zur gle­ichen Zeit haben Sie die Hedge-Fonds, die auf den Bankrott von Unternehmen und Län­dern wet­ten.  Das ist Zynis­mus, nur um das klarzustellen.  Und was sind diese Pro­duk­te?  Also hier in rot, Sie haben soge­nan­nte deriv­a­tive Pro­duk­te.  Sobald Sie anfan­gen, Finanzen zu studieren, wer­den Sie in Lehrbüch­ern ler­nen, dass diese Pro­duk­te für Unternehmen nüt­zlich sind, um sich gegen finanzielle Risiken abzu­sich­ern.  Und das stimmt auch, aber nur ein klein­er Prozentsatz wird als Absicherung­spro­duk­te genutzt, denn Sie brauchen keine Absicherung­spro­duk­te, die etwa dem Neun­fachen des glob­alen BIP entsprechen.  Sie brauchen Absicherung­spro­duk­te, die vielle­icht 20, 30, 40 Prozent des glob­alen BIP entsprechen, aber nicht das Neun­fache.  Der verbleibende Prozentsatz, vielle­icht 99 Prozent, entspricht also wieder Wet­ten auf Zahlungsaus­fälle und Konkurse.  Also hier, eine weit­ere Folie, ich habe das gle­iche glob­ale BIP, die gle­ichen Werte hier, glob­ales BIP, Schulden und deriv­a­tive Pro­duk­te beibehal­ten und ich habe die Skala verän­dert, und hier haben wir die Skala der Finanz­transak­tio­nen.  Ein­fach riesig, etwa das 150-fache des BIP.  Also es ist so riesig.  Ich meine, alles was ist, all die Transak­tio­nen, all die elek­tro­n­is­chen Transak­tio­nen.  Es ist so riesig, dass, wenn man dieses Niveau, dieses Vol­u­men an elek­tro­n­is­chen Transak­tio­nen als Steuer­grund­lage betra­cht­en würde, die Mikros­teuer von etwa 0,1 Prozent aus­re­ichen würde, um zum Beispiel die Mehrw­ert­s­teuer loszuw­er­den und vie­len Fam­i­lien in der Schweiz und in vie­len Län­dern zu helfen.  Okay, lassen Sie mich mit den Finanzpro­duk­ten weit­er­ma­chen, nur um Ihnen einen kurzen Überblick zu geben.  Laut der SIX, also der Börse in der Schweiz.  Wir haben hier wöchentliche Dat­en in Bezug auf Derivate.  Zweite Woche im Okto­ber 2020, ich weiß, es ist spät und ich werde nicht ins Detail gehen, aber was Sie hier unten sehen, rund um Aktien, die ich hoffe, Sie sehen meine Maus, Aktien hier.  Also Derivate auf Aktien, auf Aktienkurse, im Grunde genom­men, das Vol­u­men entspricht dem, was Sie hier sehen, zwis­chen 18 und 19 Mil­lio­nen Mil­liar­den Schweiz­er Franken, nur für die Schweiz.  Mit anderen Worten, wenn Sie das mit dem BIP ver­gle­ichen, mit dem Schweiz­er BIP, dann entspricht das dem 26.000-fachen des Schweiz­er BIP.  Ich wieder­hole, das 26.000-fache des schweiz­erischen BIP. Warum ist es so riesig?  Und wieder ist die Antwort ein­fach, weil ein riesiger Teil, eine riesige Menge hier den Wet­ten und dem Zynis­mus entspricht.  Gehen Sie weit­er.  Wie sieht es heute aus, also wir ken­nen die Sit­u­a­tion hier von eini­gen Dat­en über zwei Banken, die bei­den großen Banken in der Schweiz, aber die Sit­u­a­tion ist im Aus­land ähn­lich, in den USA, in Deutsch­land, in Eng­land, in Frankre­ich.  Die außer­bilanziellen Aktiv­itäten, die Derivate, sind riesig.  So entsprachen sie 2019 für die Cred­it Suisse dem 26-fachen der Bilanz­größe, etwa dem 30-fachen des Schweiz­er BIP für eine Bank, diese Wet­ten entsprechen dem 30-fachen der Größe des Lan­des und etwa 25 Prozent des glob­alen BIP.  Ähn­lich für UBS, die gle­iche Art von Sit­u­a­tio­nen.  Diese Wet­ten entsprechen also 25 Prozent des weltweit­en BIP und dem 30-fachen des schweiz­erischen BIP.  Das ist inter­es­sant, denn wenn Sie ein Steuerzahler in der Schweiz sind, sind Sie vielle­icht daran inter­essiert, sich des Risikos der so genan­nten “too big to fail”-Institutionen bewusst zu sein.  Nun, was heute neu ist, ist der Schat­ten­bankensek­tor, er existierte schon vor 13 Jahren, aber jet­zt ist er viel stärk­er.  Also was bedeutet das?  Es bedeutet Finanzin­sti­tute ohne Bankl­izenz.  So ist zum Beispiel Black Hawk keine Bank, aber sie ist sehr stark, viel stärk­er als vor 13 Jahren.  Apro­pos Cred­it Suisse: Sie wis­sen, was vor ein paar Wochen passiert ist.  Eine riesige Wette der Cred­it Suisse, mit zwei Hedge-Fonds, im Grunde Arche­gos und Green­sill, die Wet­ten entsprachen etwa 50 Prozent des Kap­i­tals der Bank, 50 Prozent.  Und so wur­den 20 Mil­liar­den Schweiz­er Franken und 5 Mil­liar­den ver­loren.  Und das ist noch nicht zu Ende.  Also jet­zt, nur um konkret zu wer­den, möchte ich in den let­zten Minuten meines Vor­trags ein Beispiel für diese Wet­ten geben, die außer­bilanziell sind.  Ein CDS, Cred­it Default Swap.  Ich nehme an, die meis­ten von Ihnen wis­sen nicht, was das ist.  Erlauben Sie mir, bei Null anz­u­fan­gen und zu erk­lären, was es ist.  Wenn Sie googeln, wer­den Sie diese Def­i­n­i­tion find­en: Ein CDS ist ein deriv­a­tives Pro­dukt, das es seinem Besitzer erlaubt, sich gegen das Risiko des Aus­falls eines Ref­eren­zun­ternehmens zu schützen.  Um Ihnen also ein Beispiel zu geben, sehen Sie in dieser Grafik, dass eine Bank einem Unternehmen einen Kred­it gibt, einen Betrag X, zum Beispiel 10 Mil­lio­nen Schweiz­er Franken.  Zwis­chen dem Unternehmen und ein­er Ver­sicherungs­ge­sellschaft gibt es immer Ver­sicherungsverträge, und wenn dieses Unternehmen hier auf der recht­en Seite, sagen wir mal, ein Restau­ran­tun­ternehmen ist, das mit Restau­rants oder Hotels, Touris­mus, sagen wir mal, ver­bun­den ist, kann es sein, dass die Bank den Kred­it zum Beispiel hier vor COVID-19 gegeben hat, und während COVID-19 befürchtet die Bank, dass das Unternehmen bankrott gehen kön­nte.  Also kauft die Bank einen CDS, einen Cred­it Default Swap auf die Ver­sicherungs­ge­sellschaft.  Wenn die Fir­ma also zum Beispiel nur, sagen wir, 3 Mil­lio­nen statt 10 Mil­lio­nen zurück­gibt, wird die Bank ihren CDS aktivieren.  Der CDS entspricht, in meinem Beispiel, 10 Mil­lio­nen Schweiz­er Franken.  Und die Bank wird die Dif­ferenz erhal­ten.  Die Dif­ferenz, 7 Mil­lio­nen Schweiz­er Franken.  So weit, so gut. CDS ist nüt­zlich.  Es ist ein Ver­sicherungsver­trag.  Nun, wenn Sie lesen…  Wenn Sie in Google tiefer graben, find­en Sie diesen Kom­men­tar.  “Es ist nicht notwendig, tat­säch­lich dem Risiko des Ref­eren­zun­ternehmens aus­ge­set­zt zu sein, um einen CDS-Ver­trag abzuschließen.”  Also ver­suche ich es zu erk­lären und zu über­set­zen.  Es bedeutet, dass es für ein Unternehmen nicht notwendig ist, dem Risiko aus­ge­set­zt zu sein, um sich abzu­sich­ern.  Was bedeutet das also?  Wenn ich kein Auto besitze, warum sollte ich dann eine Autover­sicherung abschließen dür­fen?  In diesem Beispiel würde ich also trotz der Tat­sache, dass ich kein Auto besitze, eine Autover­sicherung kaufen dür­fen, nicht auf mein Auto, weil ich kein Auto habe, son­dern vielle­icht auf das Auto des Nach­barn, weil ich weiß, dass er schlecht fährt.  Er kön­nte einen Unfall haben.  Da also für CDS nichts geregelt ist, für Autos, ist es offen­sichtlich ver­boten, son­st hät­ten wir viele Unfälle, aber hier in diesem Fall, CDS, ist es erlaubt.  Wenn es also für Autos erlaubt wäre, dann hätte ich Anreize, vielle­icht den Nach­barn zu iden­ti­fizieren, der sehr schlecht fährt, und ihn einzu­laden, bevor er fährt, ihm ein Glas Alko­hol zu geben, um sicherzustellen, dass er einen Unfall haben wird.  Und ich werde nicht nur eine soge­nan­nte Autover­sicherung kaufen, son­dern 10, 20, 100, das ist nicht geregelt.  Also auch hier, für Autos ist es ver­boten.  Es ist ver­boten und es ist gut.  Für CDS im Finanzsek­tor ist es heute, 2021, noch erlaubt, also haben Sie wieder riesige Wet­ten auf den Konkurs von Unternehmen, und das schafft ein sys­temis­ches Risiko.  Also am Ende des Tages, in meinem Beispiel, wird die Bank, anstatt einen CDS auf das Unternehmen für 10 Mil­lio­nen Schweiz­er Franken zu kaufen, vielle­icht 10 CDS kaufen, also 10 mal 10, 100 Mil­lio­nen Schweiz­er Franken.  Und warum?   Die Bank ist nur einem Risiko aus­ge­set­zt, einem max­i­malen Risiko von 10 Mil­liar­den Schweiz­er Franken, nicht von 1 Mil­lion.  Am Ende des Tages wird die Bank einen riesi­gen Gewinn machen, wenn das Unternehmen in Konkurs geht.  Schließlich kön­nte eines dieser Unternehmen in Konkurs gehen.  Und da sie zu groß zum Scheit­ern sind, wird der Steuerzahler die Rech­nung bezahlen.  Übri­gens, das ist kein Lib­er­al­is­mus. Es ist etwas anderes, denn das erste Prinzip des Lib­er­al­is­mus ist sehr ein­fach.  Wenn man sich auf riskante Aktiv­itäten ein­lässt, geht man Risiken ein.  Und das ist hier nicht der Fall, denn der Steuerzahler übern­immt die Risiken.  Die sozialen Auswirkun­gen sind enorm.  Hier haben Sie also die Einkom­mensverteilung.  Und was sehen wir? Im Grunde nichts, denn wir haben hier eine hor­i­zon­tale Lin­ie für 99,99 Prozent der Bevölkerung.  Und auf der ver­tikalen Achse hier haben Sie die restlichen 0,01 Prozent.  Und hier habe ich, was das Einkom­men ange­ht, nicht in Mil­liar­den, nicht in Mil­lio­nen, son­dern in Mil­liar­den Dol­lar oder Schweiz­er Franken geschrieben.  Also Jeff Bezos, zum Beispiel, Ama­zon, Jeff Bezos hat am 20. Juli 13 Mil­liar­den, nicht Mil­lio­nen, 13 Mil­liar­den Schweiz­er Franken an einem Tag erhal­ten, das erste Mal in der Geschichte, dass eine Per­son um 13 Mil­liar­den Dol­lar reich­er sein durfte. Das entspricht an einem Tag dem Dop­pel­ten dessen, was 1,3 Mil­liar­den Afrikan­er am sel­ben Tag erhiel­ten.  Es entspricht auch dem 10-fachen des Wertes des Schloss­es von Ver­sailles.  10 Mal, nicht in 50 Jahren, wie es beim Schloss von Ver­sailles der Fall war, son­dern an einem Tag.  Wir müssen uns also dessen bewusst sein, der anderen Seite der Medaille.  Und wir haben es hier mit ein­er Entkop­plung zwis­chen dem Finanzsek­tor in rot und der Real­wirtschaft in grün zu tun.  Hier haben Sie also die Aktienkurse der größten Unternehmen in den USA in rot und die Gewinne der gle­ichen Unternehmen.  Und was Sie hier sehen, ist ein­fach eine Entkop­plung, die auf was zurück­zuführen ist? An der Geld­poli­tik der Zen­tral­banken.  Sie pumpen eine riesige Menge an Geld in den Finanzsek­tor, in der Hoff­nung, dass der Finanzsek­tor Kred­ite an die Real­wirtschaft vergibt.  Das ist aber nicht wirk­lich der Fall.  Und anstatt wirk­lich eine Infla­tion in der Real­wirtschaft zu beobacht­en, die vielle­icht kommt, aber heute noch ruhig ist, beobacht­en wir eine Infla­tion im Finanzsek­tor, das heißt, die Aktienkurse steigen, steigen weit­er.  Okay, lassen Sie uns jet­zt wieder über anständi­ge Arbeit sprechen und lassen Sie mich Ihnen sehr präzise Beispiele einiger Händler geben.  Herr Jérome Kerviel, der für die Société Générale in Paris gear­beit­et hat.  Er ging ins Gefäng­nis, weil ihm ein Ver­lust von 4,9 Mil­liar­den Euro im Jahr 2007 vorge­wor­fen wurde.  Und die Polizei hat seine Emails mitgenom­men.  Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben, was er schrieb: “In einem Han­del­sraum kann der ide­ale Modus Operan­di in einem Satz zusam­menge­fasst wer­den: zu wis­sen, wie man das max­i­male Risiko einge­ht, um der Bank das max­i­male Geld zu brin­gen.  Im Namen ein­er solchen Regel zählen die ele­men­tarsten Prinzip­i­en der Vor­sicht nicht viel.  Inmit­ten der großen Bankenorgie haben Trad­er die gle­iche Rück­sicht­nahme wie jede durch­schnit­tliche Pros­ti­tu­ierte.  Die schnelle Bestä­ti­gung, dass der heutige Gehaltss­check gut war.”  Beispiel Num­mer zwei, Herr Tourre, der früher für Gold­man Sachs gear­beit­et hat und gegen den in New York ein Prozess organ­isiert wurde, weil er dubiose Pro­duk­te an seine Kun­den verkauft hat.  Die Polizei nahm seine Emails mit.  Nochmals, ich zitiere: “Es gibt immer mehr Hebel­wirkung im Sys­tem, also mehr und mehr Schulden.  Das ganze Gebäude kann jed­erzeit zusam­men­brechen.  Wenn ich daran denke, dass ein wenig von mir in der Erschaf­fung dieses Pro­duk­ts steck­te”, die Art von Pro­duk­ten, die er hier meint, sind Derivate, Wet­ten, “die Art von Din­gen, die man erfind­et, indem man sich sagt: Wie wäre es, eine Mas­chine zu erschaf­fen, die über­haupt keinen Zweck erfüllt, die total konzep­tionell und höchst the­o­retisch ist und von der nie­mand weiß, wie man sie bepreisen kann, dann ist es schlecht fürs Herz, wenn man zusieht, wie sie in vollem Flug implodiert.  Es ist ein biss­chen wie bei Franken­stein, der sich gegen seinen Erfind­er wen­det.”  Drittes Beispiel: Mr. Polk, ein ehe­ma­liger Händler, der ver­schiedene Artikel in der New York Times geschrieben hat, und ich zitiere: “Ich habe nicht nur nicht dazu beige­tra­gen, irgendwelche Prob­leme in der Welt zu lösen, son­dern ich habe von ihnen prof­i­tiert”.  Zynis­mus.  “In meinem let­zten Jahr an der Wall Street betrug mein Bonus 3,6 Mil­lio­nen Dol­lar, und ich war wütend, weil er nicht groß genug war.  Ich war 30 Jahre alt.  Ich hat­te keine Kinder zu erziehen, keine Schulden zu bezahlen, kein phil­an­thropis­ches Ziel vor Augen.  Ich wollte mehr Geld aus genau dem­sel­ben Grund, aus dem ein Alko­ho­lik­er einen weit­eren Drink braucht:  Ich war süchtig.”  Also kurz und knapp: drei Beispiele.  Der erste ver­gle­icht sich mit ein­er Pros­ti­tu­ierten, der zweite mit Franken­stein, und der dritte sagt, er sei süchtig.  Lassen Sie mich Ihnen ein let­ztes Beispiel zeigen.  Ein ehe­ma­liger Direk­tor von Gold­man Sachs, der diese Bank ver­lassen hat und er erk­lärte warum.  “Heute ist mein let­zter Tag bei Gold­man Sachs. Nach fast 12 Jahren in dieser Fir­ma.  Ich glaube, ich habe lange genug hier gear­beit­et, um die Entwick­lung der Kul­tur, der Men­schen und der Iden­tität dieser Fir­ma zu ver­ste­hen.  Und ich kann ehrlich sagen, dass das Umfeld jet­zt so tox­isch und destruk­tiv ist, wie ich es noch nie gese­hen habe.  Um das Prob­lem in ein­fachen Worten auszu­drück­en: Die Inter­essen des Klien­ten wer­den bei der Art und Weise, wie die Fir­ma arbeit­et und wie sie über das Geld­ver­di­enen denkt, weit­er­hin an den Rand gedrängt.”  Zynis­mus.  Faz­it: Es ist also nicht nur der Bankrott ein­er Bank, näm­lich Lehman Broth­ers, es ist der Bankrott eines Sys­tems der Casi­no-Finanzierung, in dem Schulden, Wet­ten und Zynis­mus die Ober­hand über Spar­in­vesti­tio­nen und Ver­trauen gewin­nen.  Dieser Prozess stürzt die Gesellschaft in eine Dauerkrise.  Too-big-to-fail-Insti­tu­tio­nen, also Großbanken, etwa 30 Großbanken und Hedge­fonds, genießen übri­gens alle möglichen Vorteile und Garantien, also im Grunde genom­men Staats­garantien, was in krassem Gegen­satz zu den von ihnen verkün­de­ten Arbeit­sprinzip­i­en ste­ht.  Und zu guter Let­zt gibt es natür­lich auch Lösun­gen, denn ich möchte, dass alle heute Abend schlafen kön­nen.  Und da möchte ich mit ein­er pos­i­tiv­en Bemerkung schließen.  Es gibt viele Lösun­gen.  Um sicherzustellen, dass es keine tox­is­chen Finanzpro­duk­te gibt, wäre zum Beispiel ein Zer­ti­fizierung­sprozess sin­nvoll.  Das ist in den meis­ten Branchen der Fall: Autoin­dus­trie, Phar­main­dus­trie, warum nicht auch in der Finanzin­dus­trie?  Und et cetera.  Micro­tax, darüber haben wir gesprochen.  Micro­tax über elek­tro­n­is­che Zahlun­gen, Punkt sechs.  Das Vol­u­men der elek­tro­n­is­chen Transak­tio­nen ist so riesig, dass die Mikro­taxe aus­re­ichen würde, um ver­schiedene Steuern loszuw­er­den.  Wirtschafts- und Finanzkurse soll­ten angepasst wer­den.  Ich meine, wir soll­ten Lehren aus dem ziehen, was 2008 passiert ist, wir, ich meine, Pro­fes­soren, aus dem, was 2008 und danach passiert ist.  Wenn Sie das Kur­spro­gramm ver­gle­ichen, im Grunde genom­men 2006, 2007, 2008 und jet­zt, wer­den Sie Unter­schiede sehen, aber nicht genug.  Es liegt also in der Ver­ant­wor­tung der Pro­fes­soren, dafür zu sor­gen, dass wir Lehren daraus ziehen.  Schließlich die Tren­nung von Retail- und Invest­ment­banken.  Präsi­dent Roo­sevelt führte 1933 den soge­nan­nten Glass-Stea­gall Act ein, um die Invest­ment­banken von den Pri­vatkun­den­banken zu tren­nen.  Und es hat funk­tion­iert, denn wir hat­ten viel weniger Bankenkrisen zwis­chen, ins­beson­dere nach dem Zweit­en Weltkrieg bis 1999.  Dieses Gesetz wurde lei­der von Präsi­dent Clin­ton wieder aufge­hoben.  Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Ich danke Ihnen sehr, Herr Pro­fes­sor. Ich möchte den let­zten Kom­men­tar der Chat­box vor­lesen, weil es genau das ist, was ich denke. Herr Somers sagt: “Danke für eine höchst inter­es­sante und schock­ierende Präsen­ta­tion”.  Es gibt also eine Menge neuer Inhalte und es ist ziem­lich schock­ierend.  Ich danke Ihnen.  Jet­zt lade ich die Teil­nehmer des Webi­na­rs ein, Fra­gen zu stellen.  Wir haben bere­its drei Fra­gen in der Q&A‑Box, also werde ich langsam mit ihnen begin­nen.  Aber Sie sind ein­ge­laden, weit­ere Fra­gen oder Kom­mentare hinzuzufü­gen, und wir wer­den darauf einge­hen.  Die erste Frage kommt also von Isabel Smith, und sie fragt: “Haben Sie Hoff­nung durch die Arbeit von Fair­phone und Fair Tech?”  Wer möchte antworten, oder etwas sagen?

 

CRISTINA DURANTI: Wir sind uns der Arbeit von Fair­phone bewusst, weil sie ein­er der Akteure in der DRC sind. Sie bemühen sich sehr, alle Akteure an einen Tisch zu brin­gen, um die Ver­ant­wor­tung in der Liefer­kette von Bat­te­rien zu verbessern.  Ich muss sagen, dass ich per­sön­lich ein wenig skep­tisch bin, weil es an ein­er starken Part­ner­schaft mit den öffentlichen Stellen man­gelt, die ein­er­seits für die Durch­set­zung der Regeln, ander­er­seits aber auch für die Bere­it­stel­lung anständi­ger Alter­na­tiv­en voll einge­bun­den wer­den müssen.  Was diese Oper­a­tion leis­ten kann, ist die Arbeit an den Symp­tomen und nicht an den Ursachen, wenn ich das sagen darf. Es ist ein etwas schwieriges Konzept, aber viele der Oper­a­tio­nen, die sich mit den Stan­dards und der Umset­zung von Stan­dards in Liefer­ket­ten befassen, sind sehr stark auf die Symp­tome fokussiert.  Und so holen wir die Kinder aus den Minen.  Wir set­zen den Mine­nar­beit­ern die Hüte auf den Kopf, machen ein schönes Foto und sor­gen dafür, dass in unserem Blockchain-Sys­tem die Flagge im Kon­trol­lkästchen erscheint.  Aber das größere Bild ist, dass ohne Infra­struk­turen, ohne Dien­stleis­tun­gen, ohne soziale Schutzsys­teme diese Stan­dards nicht real­is­tisch durchge­set­zt wer­den können.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Ich danke Ihnen viel­mals. Nie­mand son­st hat geant­wortet, also haben wir die näch­ste Frage, Frau Patri­cia Myr­i­am Isi­mat fragt und sagt: “Kor­rup­tion ist das Haupt­prob­lem. Was sind also die Pläne gegen die Kor­rup­tion?”  Möchte sich jemand dazu äußern?  Okay, dann kom­men wir vielle­icht später darauf zurück.  Also, es gibt einen Kom­men­tar, es gibt einen Kom­men­tar.  “Vie­len Dank an Pro­fes­sor Ches­ney für diesen sehr inter­es­san­ten Beitrag.  Es bleibt viel zu tun, und ich frage mich, ob, zumin­d­est in der Schweiz, die FINMA ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den wird?”

 

  1. MARC CHESNEY: Entschuldigung, was ist F‑I-N-M‑A?

 

  1. MIRJAM BEIKE: Ich weiß es nicht, FINMA? Ich weiß nicht… Du bist stumm.

 

  1. MARC CHESNEY: Entschuldigung, FINMA. Das hoffe ich. Aber das ist heute nicht wirk­lich der Fall, denn die FINMA sollte die Qual­ität dieser Finanzpro­duk­te über­prüfen, erlaubt aber heute noch die Ver­bre­itung dieser Pro­duk­te. Es gibt also Finanzpro­duk­te, es gibt heute tox­is­che Finanzpro­duk­te, an die Kun­den her­ankom­men kön­nen und sie ver­lieren viel Geld. Also die FINMA sollte hier viel aktiv­er sein und prüfen, ob diese Pro­duk­te, was diese Pro­duk­te bedeuten, ob sie nüt­zlich sind für die Wirtschaft, für die Gesellschaft.  Wenn ja, soll­ten sie erlaubt sein. Wenn nicht, soll­ten sie nicht erlaubt wer­den.  Und das Gle­iche gilt für Medika­mente.  Wenn wir es mit gifti­gen Medika­menten zu tun haben, soll­ten sie natür­lich ver­boten wer­den, und das sollte auch bei Finanzpro­duk­ten so sein.  Aber das ist nicht der Fall, leider.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank. Wir haben eine weit­ere Frage. “Ich glaube, dass die lokale Bevölkerung einen gewis­sen rechtlichen Bei­s­tand braucht, um sie über ihre Rechte aufzuk­lären und sie bei der Aushand­lung von Arbeits­be­din­gun­gen zu unter­stützen, damit sie nicht von skru­pel­losen Unternehmen aus­ge­beutet wer­den.  Wie kön­nen wir sich­er­stellen, dass eine solche Unter­stützung geleis­tet wer­den kann?”

 

CRISTINA DURANTI: Nur kurz, Mir­jam, dies ist defin­i­tiv Teil dessen, was wir und andere NROs tun.  Es ist eine Schlüs­selkom­po­nente unser­er Inter­ven­tion, die Men­schen über ihre Rechte als Bürg­er und als Arbeit­er aufzuklären.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank. Und ich denke, Sie haben bere­its darüber gesprochen, Cristi­na, weil Sie dies zur Ver­fü­gung stellen, wis­sen Sie? NGOs stellen es zur Ver­fü­gung, aber natür­lich ist es auch ein sys­temis­ches Prob­lem.  Nun die näch­ste Frage: “Kön­nte Andrea March­esani aus der Sicht des Vatikans auf die Präsen­ta­tion von Pro­fes­sor Ches­ney reagieren und uns einen Ein­blick in die Soziallehre dazu geben?”

 

ANDREA MARCHESANI: Es ist mir ein Vergnü­gen, und ich möchte zitieren, ich möchte erwäh­nen, dass es in der Enzyk­li­ka Car­i­tas in ver­i­tate von Benedikt XVI. viele Teile zu diesem The­ma der Prob­leme der Dereg­ulierung und der Anar­chie, wenn ich dieses Wort ver­wen­den darf, gibt, die im Finanzsys­tem beste­ht.  Das Prob­lem ist also, sagte Papst Benedikt, dass, wenn alles dem beste­hen­den Wirtschafts- und Finanzsys­tem unter­ge­ord­net wird und sie die dys­funk­tionalen Aspek­te nicht kor­rigieren, und im Jahr 2018 hat mein Dikas­teri­um, das Dikas­teri­um für inte­grale men­schliche Entwick­lung, zusam­men mit der Kon­gre­ga­tion für die Lehre der Kirche, ein Doku­ment her­aus­gegeben, dessen lateinis­ch­er Name Oeco­nom­i­cae et Pecu­niarie Quaes­tiones ist.  Und es gibt ein Kapi­tel darüber.  Und wenn ich darf, kön­nen wir zusam­men­fassend sagen, dass…  Es begin­nt damit, wie ich schon sagte, dass das Geld ein gutes Instru­ment ist, um seine Frei­heit­en und Möglichkeit­en zu erweit­ern, aber es kann sich leicht gegen den Men­schen wen­den.  So kann die finanzielle Dimen­sion der Geschäftswelt, mit dem Zugang zur Börse von Unternehmen, neg­a­tive Fol­gen haben.  Virtueller Reich­tum, der lediglich durch speku­la­tive Transak­tio­nen gekennze­ich­net ist, zieht in der Tat über­mäßige Men­gen an Kap­i­tal an, das aus dem Kreis­lauf der realen Wirtschaft abge­zo­gen wird. Die Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion ver­wan­delt allmäh­lich die Arbeit in Instru­mente und das Geld in eine Hand.  Das Ergeb­nis ist die Aus­bre­itung ein­er Kul­tur der Ver­schwen­dung, die große Massen an den Rand drängt und ihnen eine men­schen­würdi­ge Arbeit voren­thält.  Also im Grunde genom­men kann ich diesem Teil vom Papst nicht viel hinzufü­gen.  Ich will keine Ver­gle­iche anstellen, aber Pro­fes­sor Ches­ney und das Kirchenober­haupt haben sich in der Geschichte viele Male zu diesem The­ma geäußert.  Und zwar seit der ersten Enzyk­li­ka von Leo XIII., dem Rerum novarum und allen sozialen Doku­menten der Kirche.  Wir kön­nen all diese mod­er­nen Phänomene fokussieren, wie die Phänomene, die wir vorher hat­ten, vor zwei Jahrhun­derten, wie sie der gle­ichen Logik entsprechen.  Heute möchte ich sagen, dass ich sehe, dass es eine Eskala­tion der Macht gibt, nicht nur wegen der Tech­nolo­gie, son­dern weil viele Dinge nicht real sind und im Netz sind, in einem Sys­tem sind, das man nicht anfassen kann.  Und wenn früher die Prob­leme in der realen Wirtschaft lagen, so helfen wir heute zu einem anderen…  Zu einem anderen Phänomen, das viel mächtiger und viel schwieriger zu kon­trol­lieren ist.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank. Es gibt noch eine weit­ere Frage an Pro­fes­sor Ches­ney: “Poten­zielle Ein­nah­men aus Mikros­teuern auf Transak­tio­nen. Was ist daran neu?  Warum wird es nicht umge­set­zt?  Weil die Diskus­sion darüber nicht neu ist.”

 

  1. MARC CHESNEY: Ganz genau, es ist neu. Es ist neu. Diese riesige Menge an Transak­tio­nen gab es vor einem Jahrhun­dert nicht, nicht ein­mal vor 50 Jahren. Sie ist neu. Es entspricht dem 150-fachen des BIP.  Es ist also etwas Neues, sagen wir, es begann vor 30, 40 Jahren, so unge­fähr, mit der so genan­nten Finanzial­isierung der Wirtschaft, was bedeutet, dass der Finanzsek­tor in der Lage ist, die Macht zu übernehmen, und das ist wieder etwas Neues, das war vor 200 Jahren nicht der Fall.  Also seine Logik der Wirtschaft und der Gesellschaft aufzuzwin­gen.  Es ist also neu, weil, noch ein­mal, dieses Vol­u­men riesig ist und weil es nicht die so genan­nte Tobin-Steuer ist, von der die Leute vielle­icht schon gehört haben, denn hier bei Tobin war die Idee, sich auf bes­timmte Transak­tio­nen zu konzen­tri­eren, auf Aktien- oder Währungstransak­tio­nen.  Hier ist die Idee der Mikro­taxe, alle elek­tro­n­is­chen Transak­tio­nen ohne Aus­nahme zu berück­sichti­gen.  Also zwis­chen Banken, mit Kun­den, wenn Sie ins Restau­rant gehen, zum Friseur oder was auch immer, ATM, was auch immer, alles mit dem gle­ichen Satz, 0,1 Prozent, etwas, das sehr klein ist, Mikros­teuer.  Das ist also ganz ein­fach.  Ich meine, tech­nisch sehr ein­fach, poli­tisch sehr heikel, eine sehr heik­le Angele­gen­heit, weil offen­sichtlich, wenn die meis­ten Banken zus­tim­men kön­nten, ich sage zus­tim­men kön­nten, weil wir in dem Doku­ment geschrieben haben, dass die Banken für eine solche Arbeit bezahlt wer­den wür­den.  Wenn sie also Geld sam­meln, Steuergelder, soll­ten sie einen bes­timmten Prozentsatz behal­ten, damit sie bezahlt wer­den.  Für kleine Banken kön­nte es also Sinn machen.  Für große Banken wäre es anders, weil sie sich auf den so genan­nten Hochfre­quen­zhan­del ver­lassen, was bedeutet, dass sie Aktien in Mil­li- oder Mikrosekun­den kaufen und verkaufen, nur um das klarzustellen.  Also wer­den sie natür­lich mehr Steuern zahlen, sie wür­den mit ein­er Mikros­teuer mehr Steuern zahlen als wir, aber die meis­ten Men­schen und die meis­ten Unternehmen wür­den weniger zahlen.  Es wäre also ein Vorteil für, sagen wir mal, 99 Prozent der Bevölkerung und der Unternehmen.  Aber das verbleibende eine Prozent, hier reden wir über “too big to fail”-Institutionen, ist offen­sichtlich gegen diese Art von Idee.  Ich danke Ihnen.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank. Ich möchte Sie also darüber informieren, dass Cristi­na Duran­ti gehen musste. Wir haben einige Fra­gen bezüglich Kol­wezi, aber das hängt wieder mit der Sit­u­a­tion der Kor­rup­tion zusam­men. “Men­schen­würdi­ge Arbeit in Kol­wezi, in einem Land, wo das meiste nicht funk­tion­iert, wo die Kor­rup­tion das Haupt­prob­lem ist, wie kann man die Arbeits­be­din­gun­gen in dieser Sit­u­a­tion mit ein­er solchen Kor­rup­tion verbessern?”  Ich möchte einen Input oder eine Idee geben, weil ich in einem Land mit hoher Kor­rup­tion lebte und nicht daran gewöh­nt war, und ich bekam eine kul­turelle Erk­lärung, die ich sehr inter­es­sant fand.  Es war ein Land, also, man kön­nte sagen, 500, 600 Jahre. Jet­zt gab es eine Besatzung, es gab eine Dik­tatur.  Also haben die Leute gel­ernt, der Regierung nicht zu ver­trauen.  Um zu über­leben, mussten sie also der Fam­i­lie ver­trauen.  Und wenn die Regierung eines Lan­des zur Demokratie wech­selt, entste­hen Kon­flik­te, denn nach so vie­len, 500 Jahren, kann man die Men­tal­ität nicht ändern, man kann bes­timmte Leute nicht ändern.  Aber wenn die Regierung nicht auf unser­er Seite ist, dann denke ich, dass das zu Kor­rup­tion führen kann.  Das ist also eine Idee, die ich dazu habe, aber ich würde keinen Vor­trag hal­ten.  Ich weiß nicht, ob Sie damit etwas anfan­gen kön­nen, oder ob das helfen kön­nte, darüber nachzu­denken, wie man mit Kor­rup­tion in diesen armen Län­dern umge­hen kann.  Also.  Wenn nicht, ist es okay.  Ich denke, dass mein Ansatz vielle­icht für einige der Leute inter­es­sant sein kön­nte, die nach Kor­rup­tion fra­gen. Dann haben wir eine Frage.  “Ich bin nicht über­rascht, dass Papst Franziskus “Diese Wirtschaft tötet” geschrieben hat, denn wir sind alle mitschuldig an diesem tox­is­chen Sys­tem, da wir die Banken benutzen und vielle­icht keine Fra­gen an unser Banken­sys­tem stellen.”

 

  1. MARC CHESNEY: Ja, wir soll­ten Fra­gen stellen und ver­suchen, die Prob­leme zu ver­ste­hen, offen­sichtlich, weil wir Bürg­er sind und wir haben auch Ver­ant­wor­tung als Bürg­er, zu ver­suchen, die Kom­plex­ität zu ver­ste­hen. Das Sys­tem ist zu kom­plex. Wir müssen es vere­in­fachen, ganz klar.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Eine Frage zum sys­temis­chen Wan­del. “An irgen­deinem Punkt in der Geschichte ist die Entwick­lung der Wirtschaft so abgewichen, dass heute mod­erne Sklaverei und unanständi­ge Arbeit möglich und in gewiss­er Weise auch prof­ita­bel ist. Die Kun­den sind an bil­lige Pro­duk­te gewöh­nt, und Men­schen mit geringem Einkom­men kön­nen es sich vielle­icht nicht leis­ten, für fair gehan­delte Pro­duk­te zu bezahlen.  Mit­tel­ständis­che Unternehmen müssen möglicher­weise die Pro­duk­tions- und/oder Arbeit­skosten senken, um wet­tbe­werb­s­fähig zu bleiben.  Sie befind­en sich möglicher­weise in einem Dilem­ma, keine men­schen­würdi­ge Arbeit anbi­eten zu kön­nen.  Was wäre der Ansatzpunkt, um das ganze Sys­tem zu ändern?”

 

BRIAN ISELIN: Das ist wie die Frage nach der Antwort auf das Leben, das Uni­ver­sum und alles.  Das ist die ganz große Frage.  42, denke ich, ist übri­gens die richtige Antwort.  Diese Frage anzuge­hen, ist genau der Grund, warum ich Slave­free­trade gegrün­det habe.  Wenn ich also 20 Jahre zurück gehe und an einem Fall von Sklaverei arbeite, an meinem ersten Fall von Zwangsar­beit und Kinder­ar­beit, dann war das tat­säch­lich ein 12-jähriger Junge, dem in den Kopf geschossen und von einem Krabbenkut­ter über Bord gewor­fen wurde.  Eines der inter­es­san­ten Dinge, die ich bei dieser Unter­suchung her­aus­fand, war, dass die Krabben von dem Boot, auf dem der Junge war, er und zwei Fre­unde für diese Krabben erschossen und getötet wur­den, die Krabben, die an der ersten Verkauf­sstelle zum gle­ichen Preis verkauft wur­den wie die Krabben von einem Boot nebe­nan, wo es ein Fam­i­lien­boot war und jed­er gut behan­delt wurde.  Es gibt keine Unter­schei­dung von der ersten Verkauf­sstelle bis zum Ende.  Sklaven­frei und sklavengemacht sind kein unter­schiedlich­er Preis.  Der Markt, die Wertschöp­fungs­kette, ist völ­lig blind für die Bedin­gun­gen, unter denen die Dinge hergestellt wer­den.  Es geht also nicht um bil­lig.  Es geht nicht um teuer.  Der Schal ein­er High-End-Luxu­s­marke kann mit genau­so viel Zwangsar­beit oder Kinder­ar­beit hergestellt wer­den wie ein 14-Dol­lar-Schal.  Er hat nur einen 4.000-prozentigen Auf­schlag.  Wir reden also nicht über…  Ich würde also sagen, lösen Sie sich von der Vorstel­lung, dass es um bil­lig geht.  Das 14-Dol­lar-T-Shirt ist immer noch ein 14-Dol­lar-T-Shirt, wenn jed­er in der Wertschöp­fungs­kette das bekommt, was er ver­di­enen sollte.  Wenn man den Beitrag zum Wert des 14-Dol­lar-T-Shirts auf die Arbeit­skosten herun­ter­bricht, die an der Her­stel­lung beteiligt sind, kön­nte man die Gehäl­ter der Leute, die das T‑Shirt her­stellen, ver­dreifachen und hätte keinen offen­sichtlichen Effekt auf das 14-Dol­lar-Preiss­child am anderen Ende der Kette.  Und lassen Sie uns auch bedenken, dass von den 14 Dol­lar 61 Prozent an H&M oder Zara gehen, oder wer auch immer das ist.  Selb­st wenn sie sich also auf 60,2 Prozent beschränken müssten, kön­nten Sie immer noch die Löhne aller an der Her­stel­lung des Shirts Beteiligten ver­dreifachen.  Es geht also nicht nur um die bil­li­gen Sachen, das ist kein großes The­ma.  Was wir tun müssen, ist, Anreize zu schaf­fen, um Men­schen­rechte und Gewinn zu vere­inen, so dass der Gewinn von den Men­schen­recht­en abhängt, denn son­st haben wir die gle­iche Sit­u­a­tion wie in der Finanzin­dus­trie, näm­lich dass die Men­schen keinen moralis­chen Kom­pass haben.  Und solange wir das Endergeb­nis nicht von den Men­schen­recht­en abhängig machen, wer­den sie sich nicht ändern.  Ich meine, schauen Sie sich die Banker an, die die Dinge tun, von denen Pro­fes­sor Ches­ney gesprochen hat.  Ich meine, diese Leute sind scheiße.  Sie machen furcht­bar giftige Dinge.  Sie haben ihren moralis­chen Kom­pass ver­loren.  Sie haben kein Gewis­sen.  Was sie inter­essiert, ist Geld.  Also müssen wir das intrin­sis­che Gute vergessen.  Wir kön­nen mit diesen Leuten nicht über das intrin­sis­che Gute reden.  Was wir sagen müssen, ist, dass Ihre Bilanz, denn wir haben CEOs, Aktionäre, Regierungs­ge­set­ze, Ver­brauch­er, Invest­ment-Man­age­ment-Fir­men, wir haben all diese Stake­hold­er, die sagen, dass Men­schen­rechte jet­zt Teil Ihrer Bilanz sind.  Machen Sie es richtig oder wir kaufen nicht bei Ihnen.  Öffentliche Beschaf­fungsstellen spie­len dabei eine Schlüs­sel­rolle, oder?  Es ist also das Einzige, was wir tun kön­nen, um all diese Nach­frageak­teure zusam­men­zubrin­gen, diese Ziel­grup­pen, Inve­storen, öffentliche Beschaf­fung­sun­ternehmen, Regierungs­be­hör­den, Anwalt­skan­zleien, Ver­brauch­er, sie alle zusam­men­zubrin­gen, damit sie ihren kleinen Teil dazu beitra­gen, die Nach­frage zu steigern.  Wir müssen die Nach­frage bün­deln, denn im Moment ist die Nach­frage völ­lig dis­ag­gregiert, sog­ar von einem Ver­brauch­er zum anderen.  Die Nach­frage ist kom­plett aggregiert.  H&M, die machen einen großar­ti­gen Job bei der Aufteilung der Ver­brauch­er.  Das ist es, was sie tun.  Das ist Teil ihres Geschäftsmod­ells, so dass sich die Ver­brauch­er niemals gegen H&M in irgendwelchen Zahlen zusam­men­find­en, die für sie einen Unter­schied machen.  Wenn man also alle Akteure zusam­men­bringt, die in dieser Sache Forderun­gen stellen kön­nten, und das gilt auch für die Finanzwelt, dann wird das die einzige Sache sein, die eine Verän­derung bewirkt, um ehrlich zu sein.  Brin­gen Sie die Men­schen­rechte und den Gewinn zusam­men, so dass der Gewinn von der Ein­hal­tung der Men­schen­rechte abhängig ist.  Das ist der Weg, den wir gehen müssen.  Und es ist groß, oder? Das ist… 42.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Ich danke Ihnen. Ich weiß nicht, warum, aber ich habe jet­zt einen anderen Namen, aber ich bin hier und wie es funk­tion­iert. So, jet­zt gibt es eine weit­ere Frage, und die lautet: “In Deutsch­land gibt es eine poli­tis­che Ini­tia­tive namens Liefer­ket­tenge­setz, das heißt, es ist ein Schutzge­setz für Liefer­ket­ten. Glauben Sie, dass dies ein Mod­ell für weit­ere Verän­derun­gen sein kön­nte?”  Ja, Bri­an. Stumm?

 

BRIAN ISELIN: Da haben wir’s.  Ja, also das neue deutsche Gesetz zur Sorgfalt­spflicht in der Liefer­kette ist her­aus­gekom­men, zusam­men mit Frankre­ich, das schon lange eins hat, Nor­we­gen hat ger­ade eins gemacht. Viele Län­der sind dabei, sie zu entwick­eln.  Sie sind ein sehr wichtiger Teil eines dieser, wie ich schon sagte, Nach­frage-Treiber, richtig?  Plöt­zlich haben also die 90 Prozent der Unternehmen, von denen die deutsche Regierung selb­st gesagt hat, dass sie nicht men­schen­recht­skon­form sind, ein Gesetz, das die deutsche Regierung poten­ziell nutzen kann, um sie in die richtige Rich­tung zu drän­gen.  Wir hören sehr oft von Leuten in Unternehmen, die Verän­derun­gen sehen wollen, dass es ein Gesetz braucht, weil sie in ihrem Unternehmen nicht die Macht haben, das Unternehmen auf den Weg zu brin­gen.  Sie weisen darauf hin und sagen, na ja, wir brauchen ein Gesetz, denn dann kön­nen wir zu unserem CEO gehen und sagen, es gibt ein Gesetz.  Sie brauchen also Unter­stützung inner­halb des Unternehmens, um das Unternehmen mitreißen zu kön­nen.  Aktionäre kön­nen begin­nen, sich für Geset­ze wie dieses zu mobil­isieren.  Skan­dale und schlechte Pub­lic­i­ty entste­hen, wenn es ein Gesetz gibt, denn ein Geset­zes­bruch ist viel schw­er­wiegen­der als ein ethis­ch­er Bruch.  Das Gesetz ist also wichtig als ein einzelnes Teil eines sehr großen Puz­zles von Forderun­gen, die Unternehmen in die richtige Rich­tung zwin­gen.  Das ist es, was ich dazu sagen würde.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Ich danke Ihnen. Ich denke, es ist an der Zeit, Schluss zu machen. Ich würde gerne… Es gibt zwei Fra­gen, und ich denke, es sind Fra­gen der Welt, und vielle­icht kön­nte jed­er von Ihnen einen Satz sagen, um sie zu beant­worten, weil dies eine Antwort auf alle Prob­leme ist. Die erste Frage lautet also: “Was muss passieren, und wo sind die Hin­dernisse?”  Ein Satz, wer auch immer damit anfan­gen möchte.

 

BRIAN ISELIN: Okay, lassen Sie mich ein­sprin­gen.  Die Nach­frage ist völ­lig unfi­nanziert und unter­fi­nanziert.  98, 99 Prozent des Geldes, das für mod­erne Sklaverei und Men­schen­han­del aus­gegeben wird, wird für Ini­tia­tiv­en auf der Ange­bots­seite aus­gegeben, um ver­schüt­tete Milch aufzuwis­chen.  Das muss man in jed­er Art von Behand­lungssys­tem tun, aber let­z­tendlich heilen wir damit nichts.  Die Nach­frage ist der Punkt, an dem wir anset­zen müssen, und der ist völ­lig ungedeckt.  Ich musste Slave­free­trade von meinen eige­nen Erspar­nissen finanzieren, es ist ein­fach lächerlich.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank.

 

ANDREA MARCHESANI: Wenn ich darf.  Wie Bri­an sagte, die Nach­frage.  Das Prob­lem der Nach­frage ist also, dass wir das Par­a­dig­ma ändern müssen und deshalb brauchen wir Bil­dung.  Wie ich schon sagte, das Heilmit­tel ist Bil­dung.  Es ist die Evan­ge­lisierung aus katholis­ch­er Sicht und die Befähi­gung der Fam­i­lie.  Denn wenn wir die Fam­i­lie ermächti­gen, ermächti­gen wir die Arbeit­er und durch die Fam­i­lie kommt die Bil­dung.  Und so ist das Sys­tem, alles ist ver­bun­den und es ist keine ein­fache Sache.  Aber wir müssen daran arbeit­en, denke ich.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Danke. Also gut. Sie sind stummgeschaltet.

 

  1. MARC CHESNEY: Geld sollte nicht als Selb­stzweck wahrgenom­men wer­den, son­dern als Mit­tel zum Glück­lich­sein, aber nicht als Selbstzweck.Sonst ist es eine Krankheit.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Gabriele, eine Schlussfol­gerung? Ja.

 

GABRIELE SPINA: Ich weiß nicht, ob ich diese Frage beant­worten kann, weil mein Niveau sehr, sehr niedrig ist, aber ich denke, wie Andrea sagt, dass es sehr wichtig ist, die Kul­tur, die Befähi­gung der Jungs, der kri­tis­che Kon­sument.  Wenn man Geld aus­geben muss, wie man Geld aus­geben kann.  Natür­lich ändert das nicht die Sit­u­a­tion, die finanzielle Sit­u­a­tion, die Marc erk­lärt hat, aber in unserem kleinen Leben ist es wichtig, ein biss­chen von diesen Mech­a­nis­men zu ver­ste­hen, um sich dessen bewusst zu sein und zu ver­suchen, in unseren kleinen Aktiv­itäten ein kleines Stück zu verändern.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Vie­len Dank.

 

ANDREA MARCHESANI: Wenn ich etwas hinzufü­gen darf, möchte ich nur sagen, dass die Arbeit für den Men­schen ist und nicht der Men­sch für die Arbeit.  Und so, was wir heute sehen, dass viele Men­schen sind, dass sie sich frei­willig von sich selb­st oder von ihrer Arbeit zwin­gen lassen, weil sie etwas erre­ichen wollen.  Und das kön­nen wir Selb­stver­wirk­lichung nen­nen, Erfolg, all das.  Aber was wir dieses Leben nen­nen, ist die Ver­wirk­lichung durch die Beziehun­gen mit anderen, nicht durch uns selb­st und nicht durch unsere Arbeit.

 

  1. MIRJAM BEIKE: Ich danke Ihnen.Und damit übergebe ich an Michel.

 

MICHEL VEUTHEY: Guten Abend.  Ich möchte mich wirk­lich bei allen Ref­er­enten und Teil­nehmern bedanken.  Wir hat­ten bis zu 122 Teil­nehmer aus mehr als 45 Län­dern.  Mein beson­der­er Dank geht an Yves Reichen­bach, unseren Web­mas­ter, und auch an meine Assis­tentin in Genf, Clara Isep­pi, und meine Assis­tentin­nen in Niz­za, Pepi­ta Ale­many und Romane Diez.  Eine Videoaufze­ich­nung dieses Webi­na­rs wird in ein paar Tagen auf unser­er Web­site www.adlaudatosi.org ver­füg­bar sein.  Mit Unter­titeln in Englisch, Franzö­sisch, Deutsch, Ital­ienisch, Rus­sisch, Spanisch und Chi­ne­sisch.  Und Sie kön­nen den Link gerne weit­ergeben.  Unser englis­ch­er Online-Kurs über Men­schen­han­del für Helfer ist nun auf dem Weg, ins Franzö­sis­che über­set­zt zu wer­den.  Ich wün­sche Ihnen alles Gute und lade Sie zu unseren kom­menden Webina­ren im Sep­tem­ber zu Men­schen­recht­en und Men­schen­han­del, im Okto­ber zu Flüchtlin­gen und Men­schen­han­del, im Novem­ber zu Migranten und Men­schen­han­del und im Dezem­ber zu Reli­gio­nen gegen Men­schen­han­del ein.  Wir denken auch über weit­ere Webina­re zu spez­i­fis­chen The­men im Zusam­men­hang mit Men­schen­han­del nach.  Wir wer­den Sie auf dem Laufend­en hal­ten. Ich danke Ihnen nochmals.  Und die besten Wün­sche an alle. Ich ver­ab­schiede mich jetzt.

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